11. Dezember 2016

Ein Arbeitstag aus zweiter Hand

Es lohnt sich vielleicht, einmal kurz über die Formulierung vom "gebrauchten Tag" nachzudenken. Wenn eine Fußballmannschaft wie Hertha BSC einen gebrauchten Tag hat, dann bedeutet das wohl wörtlich, dass sie den gleichen Tag schon einmal benützt hat. Damals hat sie ihn für einen Sieg genützt, dieses Mal aber - im siebten Heimspiel der Saison, gegen Werder Bremen - war er leer wie eine Flasche, die schon ausgetrunken ist (wir erinnern uns an Giovanni Trappattoni).

Ein Grund war, um von der Sprachregelung von Michael Preetz zu der des Cheftrainers zu wechseln, dass sieben oder acht Spieler eine schlechte "Tagesform" hatten. Zusammengefasst hatten sie wohl eine "gebrauchte Tagesform" oder die "Form eines gebrauchten Tages". Es ist jetzt müßig, die drei oder vier Spieler zu suchen, die Normalform hatten. Ich habe sie jedenfalls nicht gesehen. Die Mannschaft war auf eine recht kompakte Weise schwach, jedenfalls zu schwach, um einen Gegner, der auch ein paar abgezockte Oldies hat, in Schwierigkeiten zu bringen.

Das vielleicht spielentscheidende Ereignis war die frühe Verletzung von Sebastian Langkamp. Der ZDF-Reporter schickte dem vom Platz humpelnden Innenverteidiger noch eine ominöse Bemerkung über gehäuftes Auftreten von Muskelverletzungen bei Hertha hinterher. Langkamp fehlte sicher in der Defensive, nachdem Brooks schon gleich gar nicht nominiert werden konnte.

Relevanter war aber, wie die Betreuer seinen Ausfall ersetzten: Es kam nicht Allan Souza, wie es auch denkbar gewesen wäre, sondern Stocker. Lustenberger spielte danach hinten neben Stark, und Darida ging neben Skjelbred auf die Position 8. Damit war Hertha so offensiv aufgestellt wie noch selten, allerdings verlor die Mannschaft dadurch entscheidend an Balance. Sie war zu frontlastig. So sah es jedenfalls bald aus, denn zum Zeitpunkt der Auswechslung fand ich das Manöver plausibel.

Der einzige Treffer des Spiels entstand aus einer Situation, die Hertha eigentlich kennt, die sie auch immer wieder provoziert, die auch schon zu blöden Gegentoren geführt hat: Das häufige Hintenrum führt irgendwann zu einer Verlegenheit, aus der sich Jarstein und Kollegen nicht mehr souverän befreien können. Die anlaufenden Bremer sind schon am Sechzehner, Jarstein spielt nicht mehr lupenrein nach links zu Stark, der macht eine doppelten technischen Fehler, zweimal legt er sich den Ball ein bisschen zu weit vor, während er eigentlich noch alle Zeit hat zumindest für einen unkontrollierten Abschlag. Kruse geht dazwischen. Fragen zu seinem Gewicht werden hier nicht gestellt. Für Werder Bremen hat er offensichtlich großes Gewicht.

Nächsten Samstag in Leipzig wird Hertha endlich wieder einmal Außenseiter sein. Die Mannschaft scheint sich danach zu sehnen. Die Mühsal eines Aufbauspiels, das nicht so recht in die Gänge kommen will, zieht sich durch die ganze Saison, und wurde erst in der zweiten Halbzeit ein wenig geringer, als das Spiel allerdings auf eine Weise offener wurde, die nur den Bremern gefallen konnte. Denn die deutlich besseren Momente hatte Werder, die dann ein lupenreines Umschaltspiel aufzogen.

Hertha ist trotz der Niederlage weiterhin auf Platz 3. Das erinnert ein wenig an die letzte Saison, wo die "Aktie" ungewöhnlich lang überbewertet blieb, erst gegen Ende erfolgte die Korrektur. Der Rückschlag gegen Werder könnte sich noch als produktiv erweisen, nämlich im Sinn eines ausgeglicheneren Saisonverlaufs. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Mannschaft künftig flexibler spielt und überraschende Momente schafft. Das ist eine Sache der individuellen Risikoabschätzung, aber auch der gemeinsamen Laufarbeit. Es ist auch eine Sache der Form. Wer suchet, der findet sie.



Eingestellt von marxelinho am 11. Dezember 2016.
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