24. September 2017

Ein Bild macht man sich immer selber

Die englische Woche endete für Hertha ernüchternd. In Mainz war die Luft deutlich entwichen, eine dritte Luft, wie sie beim Laufen durch Euphorie zu finden ist, lässt sich nicht so ohne Weiteres aus dem Oly in eine Opel-Arena transportieren. In das Auswärtsspiel ging die Mannschaft mit einer Haltung, von der sie sich in diesem Jahr schon mehrfach durch intelligente Aktivität emanzipiert hatte: abwartend, neutralisierend, kalkulierend. Die Kalkulation ging nicht auf: Mainz erzielte ein Tor durch einen Elfmeter nach Videobeweis, danach bekam Hertha nicht mehr ausreichend Initiative zustande. Bei einem Spielstand torloses Remis wäre Hertha wohl insgesamt zufrieden gewesen und hätte sich zum Ende hin (wo nach Pal Dardai bekanntlich das Spielfeld immer größer wird) wohl sogar Vorteile ausgerechnet.

In einem Spiel, das insgesamt wohl keinen Sieger verdient hatte (und für das man die neue Kategorie des Nullpunkteremis einführen müsste), gab ein "Videobeweis" den Ausschlag. Tobias Stieler sah sich eine Szene, die er mit freiem Auge nicht als Foul gesehen hatte, auf einem Bildschirm an der Seitenlinie noch einmal an und wertete das Einsteigen von Rekik danach als Foul. Das kann man so und so sehen, sicherlich aber kann man das nicht kategorisch als Fehlentscheidung werten.

Interessant ist allerdings das Prozedere. Es geht dabei um die grundsätzliche Frage, ob der Schiedsrichter sich in solchen strittigen Situationen eine Einschätzung aus Köln zu eigen machen soll, oder ob er immer noch selbst abwägen soll, was zu tun ist. Die Szene in Mainz hat für meine Begriffe klar gezeigt, dass es da viele Unwägbarkeiten gibt. Denn was Stieler da an der Seitenlinie genau gesehen hat (man muss mitbedenken: Lichtverhältnisse, Heimspielstimmung, Bildschirmwinkel, Bildausschnitt etc), wird wohl nicht einmal er selbst später noch genau rekonstruieren können - seine Bewegung (er war schon entschlossen, und wandte sich dem Bild dann doch noch einmal zu, wenn auch sehr kurz), lässt jedenfalls erkennen, dass die Sache so klar für ihn nicht gewesen sein kann.

Ich sage nicht, dass der Penalty nicht zu geben war. Aber die künftige Entwicklung des "Videobeweises" (für den Begriff sollte man dringend nach einer Alternative suchen, vielleicht sollte man vorläufig einfach vom "Kameraauge" sprechen) wird uns noch so richtig in die Komplexitäten von Faktizität und Geltung führen. Denn was wäre, wenn Stieler sich am Samstag gegen einen Elfmeter entschieden hätte? Dann würde die Liga seine Entscheidung auf jeden Fall als Tatsachenentscheidung verteidigen, obwohl man vielleicht sagen könnte, er hätte nur nicht auf die eine Perspektive gewartet, die ihn anders hätte entscheiden lassen. Sein Zeitdruck ist in dieser Situation jedenfalls ein ganz anderer (und er ist noch einmal exponierter), als bei unmittelbaren (Fehl-)Entscheidungen im Spielfluss.

Niemand will ferngesteuerte Schiedsrichter. Aber auch die Spieler, die Funksprüche aus Köln angeblich ablehnen, müssten eigentlich einsehen, dass mit einem unter extremem Stress bei wechselnden Lichtverhältnissen einsam vor einem Schirm deliberierenden Schiri der Sache vermutlich weniger gedient ist als mit der meist auch prompteren Mitteilung einer in nächster Instanz gefundenen Einschätzung, die im übrigen nicht weniger nachträglich nachvollziehbar wäre, wie das ganze Spiel ja für die Live-Teilnehmer und Live-Zuschauer hinterher sich noch einmal ganz neu darstellt - wenn man es sich als Aufzeichnung ansieht.

Der Schiedsrichter ist auch so schon ein Delegierter, hinter dem ein riesiger Apparat steht (von den Fans gern zum "Scheiß DFB" vereinfacht). Er ist der erste Offizielle in einer langen Reihe von Offiziellen, zu denen nun eben auch noch Adleraugen vor Bildschirmen in einer Datenzentrale zählen.

Ich schreibe über diesen Aspekt deswegen so viel, weil das Spiel vom Samstag darüber hinaus nicht viel hergegeben hat. Die Mannschaft hatte wohl weder den Auftrag noch die Einstellung, konkrete Ansprüche auf eine prägende Rolle in dieser Ligasaison anzumelden - zumal das auch mit der Suche nach Reserven einher gegangen wäre, von denen alle Angst haben, dass der "peak" zu früh erreicht werden könnte.

Da Köln unvermutet in eine prekäre Lage geraten ist, muss Hertha sich in diesem Herbst wohl oder übel an Hoffenheim messen (lassen). Im direkten Duell sah das ganz gut aus, nun aber hat Hertha einen wichtigen, nächsten Schritt nicht gemacht, sondern hat sich - übrigens wieder mit einer sehr homogenen, dieses Mal schwachen Mannschaftsleistung - wieder unter Vorbehalt gestellt. In einem Spiel, das in erster Linie "unangenehm" war (unattraktiver Gegner etc), hätte es wohl einer besonderen Überwindung bedurft, es sich zu eigen zu machen. Das hat sich Hertha für einen Tag aufgespart, von dem jetzt natürlich wieder niemand wissen kann, wann er denn kommt.



Eingestellt von marxelinho am 24. September 2017.
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