16. März 2016

Ein Entfesselungskünstler in der Endphase

Diese Woche tauchten wieder einmal Berichte über eine neue Superliga in Europa auf, eine Premiumklasse der absoluten Topclubs, eine Champion's League der Brands. Die Namen, die dafür in Frage kommen, schreiben sich wie von selbst: FC Barcelona, Real Madrid, FC Bayern, Juventus Turin, dazu eine starke Delegation der Premier League, auch wenn dort derzeit die Inkompetenz fast so groß ist wie die Liquidität. Manchester City und United, Chelsea FC, Arsenal FC, und aus Gründen der Mythologie wohl auch der Liverpool FC kämen für diese Premiumklasse in Frage. Leicester City hingegen würde dort nur stören, sodass sich sofort die Frage stellt, ob man für die Teilnahme überhaupt noch sportliche Aspekte in Betracht ziehen möchte, oder ob es von vornherein nur um globale Strahlkraft gehen würde.

Von dieser Strahlkraft hat Arsenal immer noch so ausreichend, dass sich weltweit derzeit viele Leute überlegen, was mit Arsène Wenger geschehen soll. Denn die Mannschaft hat in den letzten zwei Monaten einen Kollaps von inzwischen schon epischer Dimension hingelegt, der allerdings genau dort hin geführt hat, wo es in all den Jahren seit dem letzten Meistertitel 2004 am häufigsten für Arsenal endete: Ausscheiden im Viertelfinale der Champion's League, Qualifikationschance für den nächsten Bewerb durch den vierten Platz in der Meisterschaft. Das ist ziemlich genau das, was man als das Wenger-Maximum bezeichnen müsste. Jedenfalls ist es die Signatur der zweiten Hälfte seines Imperiums bei Arsenal, seit dem CL-Finale 2006.

Den Trostpreis des FA Cups, mit dem er sich in den vergangenen beiden Jahren zumindest bei Traditionalisten des englischen Fußballs ein wenig rehabilitieren konnte, wird es in diesem Jahr nicht geben. Am Wochenende verlor Arsenal 1:2 gegen Watford, in einem Heimspiel, mit den Topstars Özil und Sanchez, aber eben auch mit einem Spieler wie Gabriel Paulista, der sich als echte Niete erwiesen hat. Die Innenverteidigung und das defensive Mittelfeld sind seit Jahren die größten Baustellen, für die Arsène Wenger immer nur Halb- mit Perspektivlösungen (Chambers, Bielik) zu aktuellen Fehlerketten verband.

Die Fans formulieren ihre Aufforderungen an den unumschränkten Coach höflich, aber bestimmt: Sie bedanken sich für die vielen schönen Erinnerungen, but now it's time to go. Ich sehe das auch so, und zwar schon lange, aber Wenger ist ein echter Houdini seines Fachs, er schafft es, jedes Jahr erneut gerade so viel Fantasie in die Arsenal-Leistungen zu bringen, dass man nicht vergisst, dass es sich hier um einen Aspiranten auf die absolute europäische Spitze handelt. Dann mischt er aber ausreichend Mittelmaß (Coquelin) und taktische Indifferenz in die Sache, sodass daraus verlässlich nichts wird.

Vernünftigerweise kann man in so einer Situation nur eine Münze werden, denn es gibt ebenso viele Argumente, die gegen einen Trainerwechsel sprechen, wie dafür. Das stichhaltigste Gegenargument ist, dass ein Nachfolger nicht in Sicht ist. Es sei denn, man riskiert etwas, so wie damals, als Wenger selbst kam, mit dem Arsenal eine paradigmatische Lösung fand. Die Umstände seiner Bestellung und seine großen Verdienste um den Club, und bis zu einem gewissen Grad auch seine Originalität, lassen es nun umso schwieriger erscheinen, ihn abzulösen. Dabei ist seine Originalität längst in Verschrobenheit umgeschlagen.

Ein Club mit funktionierenden Strukturen würde dieser Tage mindestens mit Lucien Favre sprechen. Aber bei Arsenal gibt es eben keine solchen Strukturen. Das Board ist konservativ, die beiden Haupteigentümer Stan Kroenke und Alisher Usmanow können nicht miteinander. Der mächtige CEO Ivan Gazidis hat sich noch nie in die Karten schauen lassen und ist auch eher mit Superliga-Planungen beschäftigt.

In dieser Situation tritt Arsenal heute gegen Barcelona an, mit einem 0:2 aus dem Heimspiel. Natürlich kann niemand eine Sensation vollständig ausschließen. Sollte ein Führungstreffer gelingen, kann es noch einmal spannend werden. Mit Danny Welbeck steht ein formstarker Stürmer zur Verfügung, der bestens in ein effizientes Umschaltspiel passt. Idealerweise könnte er heute über den rechten Flügel kommen, mit Giroud im Zentrum, und Sanchez auf links. Ob das allerdings die Probleme weiter hinten aufwiegen kann, ist mehr als fraglich, zumal Ramsey verletzt ist.

Arsène Wenger verteidigt sich in der Weise, die für bedrängte Trainer üblich ist. Er verweist darauf, dass seine "dedication" bei 100 Prozent liegt. Ein völlig überflüssiger Satz, denn so etwas setzt man bei einer Führungskraft auf dieser Ebene doch voraus. Es kann einzig und allein um die Qualität seiner Entscheidungen gehen. Und da gibt er schon seit langer Zeit viele Gründe für berechtigte Zweifel, sodass immer wieder Mannschaften für Arsenal antreten, denen es an Balance fehlt.

Für mich ist die Münze längst gefallen: Arsène Wenger muss zum Ende dieser Saison abgelöst werden. Dies gälte umso mehr (und wäre dann auch einfacher), wenn doch noch ein Titel herausschauen würde. Die Premier League muss man noch nicht ganz abschreiben, und in der Champion's League werden wir heute Abend schon wissen, ob aus einer theoretischen Chance noch etwas geworden ist. Es wäre Houdinismus in Reinkultur.


Eingestellt von marxelinho am 16. März 2016.
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