15. Oktober 2017

Eine Frage der Abstände

Von einem Schlüsselspiel hatte der Trainer vor dem Aufeinandertreffen mit Schalke 04 gesprochen. Er wurde dann leider am Samstag auf eine Weise bestätigt, die er nicht gemeint haben wird. Hertha traf auf eine der Mannschaften, die im Vorjahr nicht in der Lage waren, Ambitionen auf Europa geltend zu machen. Hertha traf damit auf eine der Mannschaften, die jene Lücke gelassen hatten, in die sie selbst ("halb zog sie hin, halb sank sie hin") gestoßen war. Für die neue Saison ist noch offen, ob es diese Lücke wieder geben wird - oder ob Hertha inzwischen selbst über die Qualität verfügt, internationale Ambitionen aktiv und mit Nachdruck geltend zu machen.

Das Ergebnis (und die Erkenntnis) war ein wenig ernüchternd: 0:2, eine knappe, insgesamt aber verdiente Niederlage in einem Spiel, das in der Berichterstattung bisher zu schlecht wegkommt. Ich empfand es als ungeheuer spannend, allerdings vor allem in den Details.

Die erste Halbzeit war jedenfalls Rasenschach auf höherem Niveau. Hertha brauchte eine Weile, bis die Mannschaft sich auf das System von Domenico Tedesco eingestellt hatte. Insgesamt muss man wohl auch von einem Sieg der Taktik oder der Formation oder der Konzeption sprechen. Denn gegen das sehr variable 3-4-3 oder 3-1-4-2 gelang es nie, das Heft des Handelns in die Hand zu bekommen. Es war alles eine Frage der Abstände.

Hertha war sehr damit beschäftigt, nicht nur konkret die Lücken zuzulaufen, sondern auch die zwischen einer Schalker Formation, die viel häufiger zwischen die berühmten Linien kam, und der eigenen 4-5-1-Orthodoxie. Meyer auf der Sechs und der junge Harit waren viel wirksamer als Skjelbred und Darida, die kaum einmal Momentum bekamen - und wenn, dann spielte S04 einfach ein Foul. Insgesamt waren es 20, aber alle waren besser dosiert als das eine, mit dem Haraguchi sich kurz vor der Pause aus dem Spiel verabschiedete: glatt Rot wegen einer impulsiven Grätsche.

Die Betreuer opferten in der Pause Duda (der mir weiterhin vielversprechend erscheint, es hätte auch seine zweite Halbzeit werden können) und Kalou, der als Mittelstürmer keinen Auftrag hatte. Bald danach nützte Harit den zusätzlichen Raum für einen klugen Lauf in den Strafraum, und Darida war ungeschickt genug, ihm ein Bein anzubieten. Den Elfmeter verwertete Goretzka sicher, obwohl Jarstein sogar noch an den Ball kam.

Darida vergeudete später, kurz vor dem 0:2, auch noch einen vielversprechenden Freistoß, den er sinnlos ins Nirgendwo schoss - also doch ein markant missglückter Nachmittag für einen Schlüsselspieler. Das Siegel auf die Niederlage kam von Rekik, der im eigenen Strafraum an den Ball kam, ihn dann aber eine gefühlte Ewigkeit lang nicht los wurde (werden wollte), sodass Burgstaller ihn von hinten wegspitzeln konnte - Naldo spielte ihn elegant gleich wieder in die Gasse des Stürmers, der ohne Umstände verwertete. So was nennt man vielleicht einen Rebound.

Ohne die Dummheit von Haraguchi wäre vielleicht etwas drinnen gewesen für Hertha, denn die Tendenz sah zu diesem Zeitpunkt doch danach aus, dass das Spiel zunehmend ausgeglichener schien - allerdings fast ausschließlich zwischen den Strafräumen. So aber hat es mit diesem Ergebnis seine Richtigkeit. Es ist eine Richtigkeit, durch die sich Tedesco zum ersten Mal deutlich bestätigt sehen kann - und bei Schalke sieht es nun deutlich danach aus, dass der mit Fleisch- und Ölmillionen gemästete Traditionsclub zum ersten Drittel der Liga aufgeschlossen hat (im Übrigen mit einer Mannschaft, die durchaus "schlank" und hausgemacht ist und keineswegs zusammengekauft).

Hertha aber steht zwei Punkte über dem Relegationsplatz und spielt kommenden Sonntag in Freiburg auch gegen die Tendenz, endgültig in den Abstiegskampf hineinzurutschen - noch sind die Abstände in der Liga zu klein, um davon zu sprechen, aber vor allem die zwei versäumten Punkte gegen Werder (in einem unerklärlich untermotivierten Auftritt) fehlen doch deutlich. In den ersten acht Spielen hat Hertha nun gegen vier aus den designierten Top 6 gespielt, das spielt eine Rolle - allerdings ist unter diesen Top 6 auch noch (mindestens) ein Platz frei.

In der eigenen Preisklasse (Rest der Liga) muss die Mannschaft aber nun zeigen, dass sie sich durchzusetzen vermag. Anzeichen für Qualität sind da, es müssen aber wirklich alle Elf jederzeit topkonzentriert sein, zerstreute Standards (Darida) oder unkontrollierte Emotionen (Haraguchi machte dieses Mal den Ibisevic) müssen vermieden werden, denn es ist alles ungeheuer eng in diesem Bewerb.

Jetzt kommt aber erst einmal die Runde 3 in der kurios auf den Kopf gestellten Europa League-Gruppe. Ich wäre natürlich gern nach Lemberg gefahren, es geht aber leider nicht, und weil ich ja schon einmal dort war, lässt sich das auch verschmerzen.



Eingestellt von marxelinho am 15. Oktober 2017.
Keine Kommentare