18. März 2014

Eine gewisse Ineffizienz

Der Trainer hat am Sonntag nach der Heimniederlage gegen Hannover 96 noch einmal ganz deutlich Politik gemacht. Er hat das Publikum, die Fans, die Ambitionierten, die nur mit den Stimmbändern zum Erfolg beitragen können, in die Schranken gewiesen. Er hat im Grunde Hertha für nicht konkurrenzfähig erklärt. Nicht konkurrenzfähig für den Wettbewerb um die Plätze 5 bis 7, nicht konkurrenzfähig mit Mannschaften wie Wolfsburg, Leverkusen, Borussia Mönchengladbach und auch Mainz. "Wir haben nicht einen Kader, um für Europa zu spielen", hat er im Interview mit dem RBB gesagt. "Europa ist für uns weit weg."

Er hat natürlich recht. Das Saisonziel ist ein anderes, und es ist zum Greifen nahe. Doch seit das neue Jahr begonnen hat, scheint Hertha eher unter der guten Hinrunde zu leiden, als dass die Mannschaft und auch das Trainerteam den Eindruck erwecken würden, sie wüssten den geringeren Druck für die allmähliche Weiterentwicklung des Spiels zu nützen. Ich kann nicht in die Fans hineinschauen, deren Unzufriedenheit mit den letzten Heimspielen nicht zu übersehen war. Aber ich bin mir doch recht sicher, dass das Problem nicht so sehr verblasene Träume von Europa sind, sondern dass es sich daran stößt, dass die Mannschaft ein wenig phlegmatisch wirkt.

Zweifellos ist die Situation schwierig. Mit Lustenberger, Cigerci, Ben-Hatira und Baumjohann fehlen Schlüsselspieler. Und das kaum mehr zu verdrängende Wissen, dass Adrián Ramos auf Abschiedstournee in Berlin ist, scheint die Kollegen ein wenig zu lähmen. Der Coach gerät dadurch unter Druck. Er muss das Personal einerseits herausfordern, unter Druck setzen, andererseits darf er es nicht entmutigen.

Mir kommt vor, dass Luhukay dabei zuletzt nicht immer die besten Entscheidungen getroffen hat, wobei ich dafür natürlich nur die Eindrücke habe, die sich bei den Spielen boten. Ich komme noch einmal auf die Sache mit Fabian Holland zurück. Die hängt ja damit zusammen, dass Nico Schulz eine Art Nachdenkpause verordnet bekommen hatte. Vielleicht auch nur eine Verschnaufpause. Gegen Mainz spielte van den Bergh linker Flügel (was einmal, gegen Hamburg, was allerdings ein nicht gewöhnliches Match mit offenen Räumen war, ganz gut funktioniert hatte). Holland kam als linker Außendecker in die Mannschaft.

Gegen Hannover blieb Holland in der Mannschaft, van den Bergh saß auf der Bank, Schulz war wieder da. Ich denke, dass die meisten darin übereinstimmen würden, dass das erste Gegentor nahezu zur Gänze auf das Konto von Holland geht. Wir kennen die Bilder. Holland läuft eher gelassen neben Bittencourt her. Wir können uns auch das Schattenbild dazu denken: Wie hätte van den Bergh die Situation gelöst? Wir wissen es nicht, wir kennen aber seine Athletik, seine Fähigkeit, in Zweikämpfen "zurückzukommen". Mit einem Wort: es gibt gute Gründe zu der Annahme, dass er die Situation besser gelöst hätte, die allerdings, hätte er gespielt, natürlich nie entstanden wäre, weil es ein anderes Spiel gewesen wäre. Das sind die vielen möglichen Universen des Fußballs.

Es geht nicht darum, Holland jetzt eine Niederlage anzulasten. Es geht darum, zu verstehen, wie Luhukay aufstellt. Vermutlich wollte er van den Bergh schonen für die englische Woche. Doch andererseits hätte er wissen müssen, dass drei Punkte gegen Hannover die beste Grundlage für diese Woche bilden, und gerade deswegen wäre es wichtig gewesen, da mit dem besten möglichen Team anzutreten.

Das betrifft gerade auch die gesamte Arbeit auf den Seiten. Van den Bergh und Schulz sind noch am ehesten das, was Hertha in dieser Saison links als Konstellation etabliert hat. Sie sollten sich eher einspielen, statt dauernd mit neuen Varianten konfrontiert zu werden. Der Coach hat in dieser Saison viel Geschick bewiesen mit der teils originellen Verwendung von Spielern. Er hat aber manchmal die Intuition vermissen lassen, wann es gut wäre, ein wenig Geduld mit Spielern zu haben. Mit Ndjeng hat er viel Geduld, mit Allagui weniger, mit Ronny oder Brooks ganz wenig.

Das sind alles Aspekte, die mit Träumen von Europa nichts zu tun haben, sondern mit dem natürlichen Interesse daran, auf Leistungen aufzubauen und eine Sache, die schon einmal ganz gut gelungen ist, beim nächsten Mal besser zu machen. Ich würde das Saisonziel jetzt ohnehin neu formulieren. Hertha hat aller Voraussicht nach mit dem Abstiegskampf 2014 nichts mehr zu tun. Jetzt geht es darum, sich auf die Gegebenheiten der Liga einzustellen. Gegebenheiten, die auch 2014/15 nicht viel anders sein werden. 

Und das heißt nun einmal: eine Mannschaft muss auch bis zu einem gewissen Grad in der Lage zu sein, selbst das Spiel zu eröffnen. Die trügerischen Räume, mit denen die Saison beim 6:1 gegen Frankfurt begann, hängen Hertha immer noch nach. Denn die haben sich seither verdünnisiert. Und nun läuft die Mannschaft, nicht einmal aufgescheucht, sondern eben relativ phlegmatisch, weitgehend ordentlich ihre Grundordnung ab, doch sie findet nicht in die Räume. Die Fans vor dem Fernseher sehen das nicht so deutlich, doch die Fans, die ins Stadion gehen, sehen nicht zuletzt das: ein riesiges Spielfeld mit herrlichen Räumen. Es ist auch eine Frage der Leidenschaft, sie zu erschließen.

Ich sehe, bei aller Sympathie, diese Leidenschaft in Fabian Holland nicht, in Johannes van den Bergh sehe ich sie eher, in Nico Schulz sehe ich sie deutlich. Das ist jetzt aber nur ein Aspekt in einem komplexen Puzzle. Die nächste Frage wäre: Warum hat die Qualität der Standards nachgelassen?


Eingestellt von marxelinho am 18. März 2014.
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