30. November 2014

FC Fröttmaning

Die bisher kämpferisch schwächste Mannschaft der Liga hat sich am Samstag mit einem 0:1 gegen den FC Bayern vor einem kämpferischen heimischen Publikum das Etikett "kämpferische Hertha" redlich verdient. Mehr als 121 Kilometer lief die Mannschaft, das ist der höchste Wert in diesem Jahr, und es zahlte sich aus. Ich musste das Spiel auf dem Rechner verfolgen, weil ich aus beruflichen Gründen in Wien war. Und ich habe es dann doch ein bisschen bedauert, dass ich nicht vor Ort sein konnte - so sehr ich das Spiel gegen den FC Fröttmaning, wie die meisten Freunde den stolzen FC Bayern München mit ein wenig forcierter Geringschätzigkeit nennen, bereits vorher abgehakt hatte.

Hertha hat das daraus gemacht, was in dieser 17er-Liga mit zwei Freispielen gegen eine Übermannschaft derzeit möglich ist: Sie hat diverse Versuchsanordnungen etabliert, sie hat mit dem Faktor Matchplan experimentiert, sie hat sich um Haltung bemüht.

Der Fersler von Müller, der Robben in der ersten Halbzeit ideal in Position brachte, hat die erste Aufgabe aller Mannschaften gegen den FCF nach ungefähr einer halben Stunde scheitern lassen: so lange wie möglich und jedenfalls einmal bis zur Pause ohne Gegentor zu bleiben. Gladbach hat vor ein paar Wochen gezeigt, wie das danach gehen könnte, schon damals verlor sich allmählich dieses Gefühl, das bei Spielen gegen die Bayern vorherrscht: dass da eine Mannschaft Turnübungen auf einem Giganten verrichtet, der sich nur einmal ordentlich schütteln müsste. Am Samstag war es den Bayern nach dem 1:0 in Berlin offensichtlich zu duster, also spielten sie verhalten. Und Lewandowski fremdelt halt doch noch deutlich.

Hertha nutzte die Gunst der nasskalten Stunde zu einer achtbaren Exhibition. Dass der Coach nach einer Stunde Kalou und Ronny brachte, war die logische Konsequenz, zeigt aber auch, dass die beiden Hochbegabten als Männer für besondere Aufgaben gesehen werden müssen. Soll heißen: beide gehören eigentlich nur halb zum Kader, sie sind für ein integriertes Mannschaftsspiel nicht recht zu gebrauchen. Wir werden sehen, wie weit Kalou noch an die Mannschaft herangeführt werden kann, angesichts der Tatsache, dass er im neuen Jahr eine Weile sowieso weg sein wird, darf man Zweifel haben. Und der Transfer, der Hertha viel Beachtung brachte, verblasst in einer sportlichen Perspektive doch deutlich.

Das bringt mich zu einem kleinen Störgeräusch aus der vergangenen Woche. Dieter Hoeneß hat sich aus München zu Wort gemeldet, und ein paar Dummheiten von sich gegeben. Es ging darin, wenig überraschend, um Geld, das er gern ausgegeben hätte. Er schlägt, retrospektiv, vor, Hertha hätte 2009 einfach weitere 10 Millionen Euro Schulden machen müssen. Am besten mit ihm, schwingt da mit. Da blendet er allerdings eine Menge aus, aber er äußert sich ja auch in einem Magazin, das viele leere Seiten mit leerem Gerede füllt.

Ob es besser gewesen wäre, mit Lucien Favre weiterzuarbeiten, ist auch keineswegs so eindeutig zu beantworten. Ich bin wie so viele traurig darüber, dass dieses große Talent bei Hertha gescheitert ist. Einer der Gründe lag aber sicher darin, dass er kein kompetentes Gegenüber hatte, wie er es jetzt in Max Eberl hat. Der gutmütige, sportlich inkompetente Dieter Hoeneß hat damals mit Favre eine Wild Card gezogen, deren Gewinn dann anderswo eingelöst wurde - nachdem Favre die Zeit gefunden hatte, die Fehler seiner ersten Zeit in der Liga zu reflektieren.

Hoeneß wundert sich schließlich über die Geduld der Berliner Fans. Dazu kann ich als einer von ihnen nur sagen: was bleibt uns denn übrig? Sollen wir so wie er im Konjunktiv leben? Er muss sich auch damit abfinden, dass er aus der Bundesliga nicht nur ab-, sondern ausgestiegen ist: einen Job als Manager wird er nicht mehr finden.

In einem Punkt hat er allerdings recht: Dass das KKR-Engagement womöglich eine Falltür hat, durch die Hertha durchaus denkbar noch einmal spektakulär rumsen wird. Die Investition "kann sich schnell in ein Darlehen verwandeln", sagt Hoeneß. Er bezieht sich damit auf die große Unbekannte in diesem Deal, auf die anzunehmende Exit-Vereinbarung, die zur Folge haben kann, dass Hertha KKR vielleicht auslösen muss - woher dann das Geld kommen soll, eine sicher enorme Summe, dieses Problem ist eben durch die Investition vertagt und soll sich durch deren Effekte von selber lösen. Hertha veranstaltet gleichsam eine Blase mit sich selbst, so könnte man das sehen.

Das Spiel gegen die Bayern war eine Momentaufnahme, die man schnell zu den Akten legen kann. Das Spiel in Gladbach kommende Woche wird in jeder Hinsicht interessanter und auch relevanter. In der Tabelle deutet sich allmählich eine Zweiteilung an. Hertha gehört mit 14 Punkten zu einem dichten Pulk von Mannschaften, deren beste zwei Punkte mehr haben, während der Abstiegsplatz auch zwei Punkte entfernt ist. Hertha befindet sich also in einem Kampf gegen den Abstieg, der allerdings noch nicht richtig begonnen hat, weil die Abstände so gering sind.

Den Nachmittag werde ich der Gegnerbeobachtung widmen: Gladbach in Wolfsburg, und der BVB gegen Frankfurt. Drei von Herthas nächsten Herausforderungen, bei denen ich dann wieder ganz nah dran sein will.


Eingestellt von marxelinho am 30. November 2014.
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