05. Januar 2015

Gegen den Trend

Von Hertha BSC habe ich zwischen den Jahren vor allem mitbekommen, dass Änis Ben-Hatira in Marrakesch war. Er hat eine kleine Morgenlandfahrt unternommen, und weil ich ihm auf Facebook folge, bin ich darüber ein bisschen unterrichtet. Änis mit Äffchen, Änis mit lokaler Kopfbedeckung. Gute Laune, dazwischen ein auf Französisch abgefasstes Statement über seine Rolle im tunesischen Nationalteam: Er erklärt, warum er nicht an den Vorbereitungen für den Afrika-Cup teilnimmt, sondern Urlaub macht. Er möchte aber, "inshahALLAH", immer noch mit dabei sein, wenn es losgeht.

Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich vor eineinhalb Jahren mit einem Freund in Strausberg auf der Wiese saß, und er mir während eines Testspiels darlegte, warum er auf Änis Ben-Hatira keine großen Dinge hielt. Zu sehr mit sich selbst beschäftigt, so ließe sich der Vorbehalt in etwa zusammenfassen. Ich denke, man kann auch seinem Auftritt im digitalen Netzwerk entnehmen, dass er eine Menge dazugelernt hat. Er ist vielleicht kein herausragender Fußballer, aber er ist für meine Begriffe eine der wenigen echten Identifikationsfiguren im Team.

Sein geplagter Körper hat ihn, nach dem "Durchbruch" beim 3:1 gegen Mainz im Herbst 2013, allerdings immer wieder daran gehindert, zu einer echten Größe zu werden. Umso mehr ist es zu respektieren, wie er in der vergangenen Hinrunde damit umgegangen ist, dass er eigentlich nicht mehr erste Wahl war. Jetzt ist er es wieder, und zwar so, dass er nun mit dem Dilemma konfrontiert ist, entweder der geliebten Nationalmannschaft abzusagen oder seine gute Konjunktur im Verein aufs Spiel zu setzen.

Es ist ein relativer Erfolg, denn für Hertha insgesamt sieht die Bilanz für 2014 trübe aus, wie der Kicker noch einmal zusammengefasst hat: Ein Fußballjahr zum Vergessen. Zu Beginn der Vorbereitung ergibt sich daraus die logische Frage: Ist das Personal nicht gut genug, oder liegt es am Trainer?

Es war relativ deutlich zu sehen, dass Jos Luhukay mit dem Kader, der im Sommer 2014 mit dem KKR-Geld und den Ramos-Lasogga-Millionen zusammengestellt wurde, nicht so richtig umzugehen weiß. Seine Pädagogik hat inzwischen dazu geführt, dass sich niemand mehr auskennt. Ein Trainer ist dann gut, wenn er von einem Spieler auch über Formkrisen und Verletzungspech hinweg weiß, was er von ihm erwarten kann. Er muss also das Potential sehen, wobei dabei auch gemeint ist: er muss begreifen, wie er das Beste aus ihm herausholen kann.

In mancherlei Hinsicht musste man 2014, vor allem im zweiten Halbjahr, den Eindruck bekommen, dass Luhukay deutlich zu situativ entscheidet (das ist übrigens eines seiner Lieblingswörter). Er vermittelt keine übergreifende Idee, denn die beiden einzigen gelungenen Umschaltspiele gegen Wolfsburg und Dortmund haben der Mannschaft keine Sicherheit gegeben. Das Problem, ein Spiel zu gestalten, ohne sich dabei Blößen zu geben, ist riesig geworden.

Das hat viel mit der Position 10 zu tun, für die Luhukay mit Stocker eine Teillösung gefunden zu haben meinte, der er aber aus guten Gründen dann doch wieder nicht traute. Skjelbred ist auf der 8 besser, Ronny schoss zuletzt nicht einmal mehr verlässlich gute Standards. Mukhtar bekam keine Chance. Stückwerk überall.

Ein Trainer ist auch dafür zuständig, der Mannschaft ein Gefühl von Kontinuität zu geben. Fußball ist ein Sport, der radikal von Unterbrechungen geprägt ist, ständig ist jemand verletzt, kann aus anderen Gründen nicht spielen, der Gegner ist jedesmal wieder ein anderer, irgendetwas passt immer nicht. Diese Kontinuität, eine Art Grundgefühl, das auch dann nicht wegfällt, wenn der Trend einmal in eine andere Richtung geht, hat Luhukay seit einem Jahr nicht mehr erzeugen können.

Das hat sicher auch damit zu tun, dass die gute Hinrunde im Herbst 2013 so manche Unregelmäßigkeit im positiven Sinn enthielt. Hertha hatte viel Glück, es lief manchmal einfach. So stand man plötzlich in der Nähe der internationalen Plätze. Ein Jahr später, also jetzt, muss das Projekt Erste Liga im Grunde noch einmal von vorn beginnen. Hertha muss sich gegen den seit einem Jahr immer deutlicher werdenden Trend als stabile Mannschaft etablieren.

Jos Luhukay muss klarmachen, dass er nicht nur situativ denkt, sondern auch generativ: Ein Konzept entwickeln, es mit Spielern umsetzen, den Spielern ihre Rolle verdeutlichen, der Öffentlichkeit eine Linie kenntlich machen. Da hat vieles gefehlt, wurde vieles schlecht kommuniziert. Nun ist schon eine Menge Unwucht im Kader, die wieder ausgeglichen werden muss. Immerhin ist Kalou für eine Weile weg, damit fällt ein Streitpunkt weg. Aber auch so bleibt noch eine Menge Grundlagenarbeit. Und für den Coach beginnt nun der Test, ob er wirklich befähigt ist, in Berlin eine auch nur kleine Ära zu prägen.


Eingestellt von marxelinho am 5. Januar 2015.
Keine Kommentare