07. Februar 2016

Genießen, ohne abzuschließen



Die Liga ist gestern ein kleines Bisschen zusammengerückt, denn sowohl der FC Bayern wie auch Borussia Dortmund kamen über ein torloses Remis nicht hinaus. Bayer Leverkusen und Hertha BSC taten das Notwendigste, um zumindest den Abstand gleich zu halten, Schalke und Gladbach konnten ein wenig profitieren. Hertha spielt um Europa, alles andere wäre nach der Leistung gegen Dortmund schwer zu verkaufen.

Thomas Tuchel beklagte sich hinterher vor allem über den Platz. Der tiefe und holprige Rasen habe es vor allem schwer gemacht, jene schnellen Drehungen und Wendungen zu bewerkstelligen, die allein noch ein bisschen Raumgewinn ermöglichen. In der unausgesprochenen Sache hatte er recht: Gegen die Kompaktheit von Hertha bedurfte es schon besonderer Fertigkeiten. Da allerdings die drei offensiven Superstars des BVB nicht sonderlich gut aufgelegt waren (was auch an der Leistung von Hertha liegen mochte), gelang kein Tor. Wieder kein Tor, müsste man eigentlich sagen, denn schon in dem Skandalspiel gegen Ingolstadt war der BVB nur knapp und dank schlechten Refereeings zu zwei Toren und drei Punkten gekommen.

Vielleicht war Tuchel von den Reaktionen auf dieses Spiel noch ein wenig dünnhäufig, denn sein zweiter Vorwurf war dann schon fast lächerlich: Hertha hätte (über)hart gespielt. Numerisch waren es 11 Fouls gegen 15 von Dortmund, keines fiel für mich in die Kategorie "fies".

Pal Dardai hingegen sprach von einem "genießbaren Nullzunull", so habe ich das Spiel auch gesehen. Es weckte Erinnerungen an lange vergangene Zeiten in den frühen Nullerjahren, als Hertha wie ein selbstverständlicher Erstligist in offene Matches auch gegen Topclubs ging. Natürlich war auch damals schon diese Professionalisierung des Spiels im Gang, die inzwischen zu chronischer Raumnot und zu häufig tendenziell neutralisierten Begegnungen führt.

Aber es ist doch immer noch eine Menge möglich in so einem Spiel, und nicht wenige Zuschauer haben ja inzwischen auch gelernt, die Feinheiten des Positionsspiels zu genießen. Mit unserem Beobachterposten auf dem Oberrang unweit der Mittellinie waren wir gestern besonders gut disponiert, dem Spiel in allen seinen Facetten viel abzugewinnen. Sieht man von ein, zwei Durchbrüchen von Reus auf der rechten Seite ab, gelang das intensive Zulaufen in der Regel famos: mindestens drei Spieler sind in der Regel beteilligt, einer geht auf den Mann, einer erkennt den gefährlichen Raum, einer unterbindet eine Passmöglichkeit.

So herrscht ständig die faszinierendste Bewegung. In der ersten Halbzeit und vor allem in den ersten dreißig Minuten spielte Hertha dabei absolut gleichwertig, hatte genauso viele Spielanteile wie der BVB, stellte sich keineswegs hinten hinein. Die erste Hälfte der zweiten war Hertha ein wenig zurückhaltender, es gab aber bis zum Ende mehrfach sehr schöne Konter, einen hätte Kalou beinahe zu einem sehenswerten Abschluss gebracht.

Er ist im Vergleich zur Vorsaison nicht wiederzuerkennen, und in vielen Momenten fast schon wieder Weltklasse. Gestern war er für meine Begriffe besser als Mkhytarian, und das will etwas heißen. (Der Armenier ist einer meiner absoluten Lieblingsspieler.) Einen schweren Stand hatte Vedad Ibisevic, das war zu erwarten, allerdings hätte das berühmte Festmachen von Bällen doch in einigen Fällen ein wenig besser gelingen können. Ich bin jedenfalls gespannt auf Julian Schieber, der sich hoffentlich tatsächlich an die Mannschaft heranarbeitet.

Bei einem Hertha-Konter habe ich ein paar Fotos gemacht, die einen kleinen Film ergeben: Man sieht hier, wie sich in ganz kurzer Zeit eine Konstellation ergibt: Ibisevic gewinnt den Zweikampf mit Weigl, Darida läuft mit, holt auf, schließlich ist aber sogar Kalou schon in Position, jetzt wäre der Zeitpunkt zu einem aussichtsreichen Abspiel, doch Ibisevic entscheidet sich für das Einszueins gegen Mats Hummels.





















Den Punkt gegen Dortmund hätte ich wie wahrscheinlich die meisten Fans vor dem Spiel ohne Weiteres genommen. Wie er konkret errungen wurde, war dann aber schon einigermaßen erfreulich. Denn Hertha kann mitspielen, ohne die Ordnung zu riskieren. Das sind im Grunde alles Übungen für die höchste Stufe im Fußball: einen integrierten Stil zu entwickeln, bei dem Kompaktheit und Spielgestaltung zusammengehören, bei dem Konter ein Mittel neben anderen sind, bei dem in einem Spiel unterschiedliche Phasen und Strategien vorkommen können.

Am Dienstag spielt der BVB gegen Stuttgart, am Samstag spielt Hertha in Stuttgart, und wenn es am Mittwoch gelingen sollte, die Hürde in Heidenheim zu überspringen, dann könnte Hertha es im Halbfinale durchaus noch einmal mit dem BVB zu tun bekommen, vielleicht sogar wieder im Olympiastadion, das dann wieder ausverkauft wäre, in einem Spiel, das dann einen Sieger hervorbringen müsste. Ein Genuss, an diese Möglichkeiten auch nur denken zu können.



Eingestellt von marxelinho am 7. Februar 2016.
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