06. Juni 2016

Gute Erfahrungen macht man im Schlaf

Wenn es nach Pal Dardai gegangen wäre, dann wäre er am Wochenende beim Testspiel zwischen Deutschland und Ungarn vielleicht sogar noch selbst auf der Bank gesessen. Wir erinnern uns jedenfalls daran, dass es ihm schwer fiel, die Aufgabe bei der ungarischen Nationalmannschaft aufzugeben. Das kleine Hin und Her im vergangenen Sommer verdeutlicht, dass Dardai als Trainer einer Bundesligamannschaft ein Anfänger ist, der in vielerlei Hinsicht erst lernen musste und muss, was mit dieser Aufgabe alles einher geht.

Deswegen ist das die erste Frage, die ich nach meiner privaten Sommerpause und vor Beginn der EM stellen möchte: Soll Hertha BSC mit Pal Dardai weiterarbeiten? Ich weiß, ich weiß. Blöde Frage, und außerdem längst beantwortet. Trotzdem und gerade deswegen, weil wir sie weitgehend ohne Druck beantworten können, macht es Sinn, sie zu stellen.

Pal Dardai hat mit seinem Team und dem letztes Jahr guten Einkäufer Michael Preetz Hertha 2016 in den Europacup geführt. Eine Mannschaft, die zum Beispiel von der FAZ vor einem Jahr noch als designierter Direktabsteiger gehandelt wurde. Dass er unter den Trainerentdeckungen schließlich dann doch nicht ganz so hoch gehandelt wurde, wie es zwischendurch der Fall war, hatte mit dem schwierigen Finish zu tun. Hertha tat sich die ganze Rückrunde hindurch schwer.

Hier also eine kleine Evaluierung von Pal Dardai, eine Würdigung mit vier Stichpunkten.

a) Persönlichkeit: Vielleicht der größte Pluspunkt. Pal Dardai wirkt sehr authentisch, er spricht gut über Fußball. Nicht nur verzichtet er fast vollständig auf Phrasen, man kann bei seinen öffentlichen Äußerungen fast immer etwas von seinen Lernprozessen nachvollziehen. Die Wirkung nach außen dürfte der nach innen entsprechen, jedenfalls hatte man lange Zeit den Eindruck, dass er die Spieler gut mitnimmt und eine Projektstimmung in der Mannschaft erzeugen kann. Einen Trainer zu haben, der mit dem Club gut identifizierbar ist, ist fast unbezahlbar.

b) Trainingsarbeit: Bei einem Bundesligaclub ist immer zu wenig Zeit für all das, was zu üben wäre. Dardais erste volle Saison veranlasst zu Rückfragen in zwei Bereichen: Fitness und Taktik. Intern werden dazu (hoffentlich) die nötigen Daten vorliegen, um das genauer erörtern zu können, aber man musste doch den Eindruck haben, dass die Mannschaft körperlich phasenweise nicht auf der Höhe war. Das wird auch damit zu tun haben, dass Dardai mit einer kleinen Kerngruppe des Kaders arbeitete.

c) Taktik: Eine Konsequenz der insgesamt laufschwächeren zweiten Saisonhälfte waren Umstellungen beim Pressing. Hertha sah sich oft einer relativ einfachen, aber wirkungsvollen Neutralisierung durch geschickt positionierte Mannschaften ausgesetzt, gab aber ihrerseits die gegnerische Hälfte weitgehend preis, wenn sie nicht im Ballbesitz war. Da wurden Erfolge aus der Hinrunde buchstäblich zurückgezogen. Der erhoffte Erfolg einer größeren Kompaktheit und eines effektiveren Umschaltspiels stellte sich aber nicht häufig ein.

d) Entwicklung: Trainer werden oft daran gemessen, ob sie Spieler besser machen können. Das ist ja auch tatsächlich ein offensichtlicher Fingerzeig, denken wir nur an Tuchel und Mkhitaryan. Hertha hatte auch deswegen eine sehr gute Hinrunde, weil einige Spieler richtig aufblühten. In erster Linie Salomon Kalou, in vielerlei Hinsicht eine Schlüsselpersonalie, in etwas anderer Form gilt das auch für Ibisevic. Mitchell Weiser, die zweite Entdeckung, hat von Dardai stark profitiert. Da Hertha nicht viele Spieler hat, die einen Unterschied machen können, hängt viel von solchen persönlichen Leistungskurven ab. Im Frühling fand Pal Dardai jedenfalls keinen Spieler mehr, den er noch hätte "zünden" können. Plattenhardt, Darida, Skjelbred, Brooks stagnierten, die Ergänzungsspieler wurden für meine Begriffe zu erratisch eingesetzt, als dass sie ihren Wert wirklich beweisen hätten können.

Bei der Präsentation eines Buches über ihn in Ungarn sprach Pal Dardai neulich auch über die Saison von Hertha: "Als ich gegen Ende spürte, dass es für die Mannschaft nicht mehr so läuft, habe ich Fachbücher gelesen, psychologische Analysen - und was ich früher nie gemacht habe - habe ich mich selbst um Ratschläge bemüht. Ich habe kaum geschlafen, zerbrach mir den Kopf, reib mich selbst auf. Wenn ich mehr Erfahrung gehabt hätte, hätte ich mit dem Druck auf die Mannschaft besser umgehen können."

Er sprach damit das Offensichtliche aus: Auch für ihn selbst war das eine Situation, für die es noch keine Erfahrungen hab, auf die er hätte zurückgreifen können. Für die kommende wird viel davon abhängen, wie weit es ihm gelingt, mit der Mannschaft zu lernen. Damit sind wir wieder beim ersten Punkt: Pal Dardai wirkt wie jemand, der in der Lage ist, sich immer wieder neu einzustellen, dabei verfügt er aber über einen ausgeprägten Kern. 2016/17 wird schon zeigen, ob er tendenziell vielleicht doch zu konservativ ist, zu sehr alte Schule, um Hertha in einer nun schon wieder deutlich anspruchsvolleren Situation voranzubringen.

Doch für den Moment ist die Sache klar: Hertha BSC hat mit Pal Dardai einen Trainer, von dem wir durchaus erhoffen können, dass er selbst und mit den Spielern im kommenden Jahr einen Schritt in Richtung eines integrierten Spielkonzepts macht - es wäre ein Schritt heraus aus der engen Liga, in der ein gutes Dutzend Mannschaften so spielen wie Mainz oder Augsburg, also tendenziell eher abwartend, dabei aber immer intensiv anlaufend. Hertha hat 2015/16 die ersten Schritte zu einem ganzheitlicheren Spiel gemacht. Ob der Weg weitergeht, liegt auch an den Lernprozessen von Pal Dardai. Hoffentlich reibt er sich nicht auf.

Jetzt darf er aber erst einmal Ungarn betreuen. Zumindest als Co-Kommentator bei der EM.



Eingestellt von marxelinho am 6. Juni 2016.
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