18. September 2016

Halb volles Risiko

Seit bald zehn Jahren fahre ich Anfang September zum Filmfestival nach Toronto, und jedes Mal ist die Rückkehr mit einer euphorischen Vorfreude auf Fußball verbunden. DIe Liga kommt in die Gänge, die Champions League hat begonnen, es gibt viele Spiele, und die Saison dauert dann noch ewig. Selten allerdings war die Konstellation so perfekt wie dieses Mal: Heute Heimspiel von Hertha gegen Schalke, Mittwoch auswärts gegen Bayern, und Samstag schon in Frankfurt (wohin ich fahren werde).

Als ich gestern spät am Abend heimkam, warf ich gleich einmal den Beamer an (ein dringendes Bedürfnis nach zwei Wochen Fußball auf dem Laptop). Schon jetzt gibt es tolle Geschichten: der faszinierende Kader des BVB, das Drama um Viktor Skripnik, die bemerkenswerten Erfolge von Niko Kovac in Frankfurt. Ich bin Hertha-Fan, klare Sache, aber das, was Thomas Tuchel in Dortmund gerade veranstaltet, begeistert mich schon auch sehr, zumal Adrian Ramos dort spielt, den nicht zu mögen ich für schlicht unmöglich halten würde.

Der Kader von Hertha ist nicht ganz so voll mit Talenten wie der des BVB (von der U 21 Europas schrieb die SZ gestern), aber auch hier gibt es vor dem Spiel gegen Schalke interessante Varianten zu erwägen. Letzte Saison war das Heimspiel gegen die Gasprominenz vielleicht das beste Hertha-Match, bestimmt durch einen imponierenden Tolga Cigerci. In diesem Jahr kommt Gelsenkirchen früh nach Berlin, bisher noch ohne Punkte, aber mit einer Mannschaft, die sich im Spiel gegen die Bayern schon Respekt erarbeitet hat.

Hertha tritt mit dem Selbstbewusstsein zweier Siege zu Saisonbeginn an. Das Fehlen von Brooks und die Genesung von Skjelbred sorgen dafür, dass die Betreuer ein wenig am Gefüge basteln müssen - die starke Leistung von Stark gegen Ingolstadt wäre aber auch so zu berücksichtigen gewesen. Da Duda weiterhin auf sein Ligadebüt für Hertha warten muss, stellt sich die Frage, wie offensiv Hertha heute antreten soll. Das wird sich an der Position von Darida zeigen. Spielt er auf der 10 oder auf der 8?

Ich könnte mir vorstellen, und hielte das auch nach dem guten Auftritt von Lustenberger gegen Ingolstadt für plausibel, dass der Ex-Kapitän in die Viererkette zurückgeht. Dann bleibt aber immer noch die Frage, ob Skjelbred in die Mannschaft zurückkommen soll. Ich denke, dass Pal Dardai, von dem wir ja schon wissen, dass er beim Aufstellen ein konservatives Temperament hat, ihn wieder als Anker im Mittelfeld nominieren wird. Gegen das spielstarke Mittelfeld von Schalke empfiehlt sich wohl wirklich am ehesten ein Hertha-Dreieck aus Skelbred-Stark-Darida.

Dies aber vor allem deswegen, weil eine starke Option auf der Zehn fehlt: Kalou oder Schieber oder Stocker? Keiner erscheint in diesem vermutlich stark umkämpften Spiel für diese Aufgabe ideal geeignet. Deswegen ist es vermutlich ratsam, der offensiven Rhetorik von Pal Dardai eine eher pragmatische Formation folgen zu lassen. Und nicht von vornherein zum Beispiel mit zwei Stürmern das Mittelfeld zu offen werden zu lassen.

Haraguchi ist nach seinen guten Leistungen gesetzt. Rechts stellt sich irgendwann sicher die Frage, ob Weiser nicht doch wieder auf seine beste Position in der Viererkette zurückkehren sollte, auch wenn Pekarik bisher anständig gespielt hat (eigentlich begann seine gute Formkurve bei der EM, trotz mäßiger Erfolge seines Teams).

Hertha könnte sich heute eine sehr gute Ausgangsposition für eine super spannende Woche verschaffen. Dies alles an einem schönen Herbsttag in Berlin, an dem noch dazu über die politische Zukunft der Stadt abgestimmt wird. Zu diesem Thema kann ich nur so viel sagen: Berlin braucht keine Alternative (schon gar nicht eine für Deutschland), Berlin ist die Alternative.


Eingestellt von marxelinho am 18. September 2016.
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