09. April 2014

Herumgestocher

Der enge Zeitplan eines Fans brachte es gestern mit sich, dass ich knapp hintereinander die Aufzeichnung von Hertha gegen Hoffenheim vom Sonntag und dann die CL-Begegnung zwischen Borussia Dortmund und Real Madrid angeschaut habe. Es gibt sogar eine Verbindung zwischen den beiden Spielen, sie liegt in der Personalie Adrián Ramos, dessen Transfer zum BVB als mehr oder weniger fix gilt. Ich habe also auch ein wenig darauf geachtet, wie ein Vergleich zwischen Lewandowski und Ramos ausfallen müsste.

Doch zuerst einmal zu Herthas Heimspiel gegen die unberechenbare Mannschaft aus der badischen Provinz. Positiv könnte man hervorheben, dass es gelungen ist, das Offensivpotential von Hoffenheim weitgehend zu neutralisieren. Allerdings muss daraus auch die Einschränkung folgen, dass Hertha auch das eigene Offensivpotential weitgehend neutralisiert hat.

Während des Zuschauens begann ich mich zu fragen, was denn der Unterschied zwischen einem ganz normalen Hertha-Spiel im Frühling 2004 und dem vom vergangenen Sonntag ist. Vielleicht täusche ich mich, aber damals wurde insgesamt unbefangener Fußball gespielt. Naiver vielleicht auch. Der Vergleich begann mich zu interessieren, und da heute ja für solche Sachen viele Datenbanken vorhanden sind, war leicht herauszufinden, dass die entsprechende Begegnung ein Heimspiel gegen Hans Rostock war, das ebenfalls 1:1 endete.

Zehn Jahre später hat sich nicht nur mit Hertha viel getan. Die Liga hat sich stark verändert, und das letztendlich freudlose Spiel vom Sonntag erscheint mir dafür bezeichnend. Im Grunde von Schalke abwärts spielen praktisch alle Mannschaften in erster Linie einen Sicherheitsfußball, aus dem heraus sich nur in günstigen Momenten so etwas wie Spielkultur ergibt. Mindestens so oft aber zerfällt so ein Spiel in ein Hickhack aus ständigen Ballverlusten, mit Umschaltbewegungen, die sofort in ein Dickicht geraten.

Wenn dann am Ende der paar Bewegungen, die da noch gelingen, ein Spieler wie Adrián Ramos steht, der offensichtlich nicht ganz bei der Sache ist, dann wird so ein Spiel schnell einmal unersprießlich. Oder aber man freut sich schon über Kleinigkeiten wie einen gelungenen Pass von Sandro Wagner, der die letzte von mehreren guten Chancen für Ramos vorbereitete.

Der Trainer rochiert munter weiter. Nico Schulz ist wieder einmal aus dem Kader geflogen. Peter Pekarik hat auf links gegen Volland ein passables Spiel gemacht, van den Bergh scheint angezählt, doch diese Personalien sind, wie auch das Spiel auf dem Platz, Stückwerk, die sich derzeit zu nichts weiter zusammensetzen als zu einem halbwegs kompakten Defensivspiel, das sich aber bei Ballgewinn sofort wieder in missratene Dribblings, ungenaue Pässe und halb entschlossene Läufe verheddert.

Eine Einsicht ergab sich eher am Rande. John Anthony Brooks ist zumindest derzeit weit davon entfernt, sich für eine dauerhaftere Beschäftigung als Innenverteidiger zu empfehlen. Sein Stellungsspiel ist geprägt von Unsicherheit, er irrt häufig eher herum, als dass er Autorität auf dem Platz ausstrahlen könnte. Die Saison ist denkbar blöd für ihn verlaufen, in diesem gnadenlosen Sport könnte das schon die entscheidende Chance für ihn gewesen sein. Nebenfrage: Was genau ist eigentlich das Problem von Fabian Lustenberger? Es sieht ja beinahe so aus, als würde er die komplette Rückrunde versäumen. Wegen eines Muskelfaserrisses?

Im Spiel des BVB gegen Real konnte man am Abend dann sehen, dass Ramos es sehr schwer haben wird, Lewandowski nachzufolgen. Und das meine ich inklusive der zu erwartenden Leistungssteigerung in einer prinzipiell zu starkem Offensivspiel fähigen Mannschaft. Ramos bringt zwar alles das mit, was in Dortmund von ihm noch stärker verlangt werden wird. Aber ihm fehlt, bisher jedenfalls, diese Eigenschaft, sich notfalls von der Problemlage der Mannschaft zu emanzipieren, die Lewandowski immer wieder zeigt, mit der einen großen Ausnahme des letztjährigen CL-Finales, in dem er schwach spielte.

Nach dem Spiel gab Klopp ein Interview, in dem er die Gelegenheit nutzte, den starken Abend sofort in die Gründungsmythologie seines BVB-Projekts zu integrieren. Wer möchte nicht dabei sein bei einer Mannschaft, die solche Geschichten schreibt? Im Sommer werden einige seiner Spieler diese Frage beantworten müssen, es wird Anfragen und Angebote geben, und vielleicht bekommt sogar er selbst es mit einem Angebot zu tun, das ihn nachdenklich machen könnte? Ich denke an Arsenal, wo sich die Sache mit Arsène Wenger unübersehbar zuspitzt.

Hertha kann auf absehbare Zeit froh sein, sich in dem Gestocher halbwegs zu behaupten, das den Ligaalltag inzwischen so häufig ausmacht. Es ist die Kehrseite jenes modernen Fußballs, der in der Hinrunde noch öfter mit glücklichen Umständen und einem gewissen Selbstvertrauen gepaart war. Dieses Selbstvertrauen vor allem fehlt derzeit ganz offensichtlich, und die meisten Spieler scheinen es eher individuell zu suchen, als dass sie einander dabei helfen.


Eingestellt von marxelinho am 9. April 2014.
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