23. Oktober 2016

Hopp oder Top

Mit meinem beiläufig ausgegebenen Nebensaisonziel, vor dem HSV zu bleiben, ist Hertha nach dem Heimsieg gegen Köln schon fünf Siege im Plus. Es sind genau die fünf Siege, die bisher gelangen, dazu die Unentschieden beim BVB und der Eintracht, und die Abfuhr beim FC Bayern. In der Tabelle ergibt das eine sehr interessante Konstellation, denn es ist nicht der andere Global Player, die Borussia aus Dortmund, die die Bayern jagt, sondern eine Vierergruppe, die sich je zur Hälfte aus Teams mit "Marktwert" und Teams mit Anschub zusammensetzt. Hertha und Köln gegen Hoffenheim und Leipzig.

Das Topspiel gegen Köln war auch ein Klassiker in the (re)making. Ein langjähriger Freund, der ursprünglich mal Fan des 1. FC war, seit vielen Jahren in Berlin lebt und in dieser Zeit unentschlossen auf Hertha geschaut hat, in der Hoffnung, sie würde einen klaren Blick erwidern, er kam gestern ins Stadion, um Hertha eine Chance zu geben. Hertha hat die Chance genützt.

Die Grundlagen für den 2:1-Sieg waren vielschichtig und lagen im Detail, denn in den Spieldaten lässt sich der Unterschied kaum festmachen (trotz einer auch numerisch besseren Zweikampfquote für Hertha, während die Laufleistung fast auf den Meter identisch ist, auch ein kleines Kunststück). Das Spiel hatte so seine Zyklen, die erste Halbzeit gehörte Hertha, die Periode nach der Pause ging an Köln, dann holten die Betreuer von Hertha mit einer Einwechslung die Initiative zurück: Schieber für den dieses Mal eher unproduktiven Esswein, was zur Folge hatte, dass der ein wenig schusslige Kalou das Zentrum freigab.

Der frühe Führungstreffer hatte die schöne Eigenschaft gehabt, eine Kopie eines Kölner Angriffs zu sein, der kurz davor noch ohne Folgen geblieben war. Ähnlicher können Spielzüge jedenfalls kaum sein als der, den Osako nicht verwertete, während Ibisevic die tolle Hereingabe von Weiser durch geschickte Bewegung am Elferpunkt herausragend in einen Treffer übersetzte.

Wie Weiser sich gegen Hector durchsetzte, das war für das ganze Spiel charakteristisch. Die Zweikämpfe der Herthaner sind nicht nur robust, sie haben auch Qualität, sie enden selten mit Fouls (das Spiel gegen den BVB war eine Anomalie), ich denke, man kann das als Anzeichen für exzellente Fitness und gute, intensive Trainingsarbeit nehmen. Langkamp zum Beispiel hatte in der zweiten Halbzeit einen prekären Moment mit Modeste im Strafraum - und fand die Lösung in einer spektakulären Grätsche.

Der Kölner Talisman kam trotzdem zu seinem Treffer, weil Köln es für eine Weile doch schaffte (und auch riskierte), mit viel Personal nach vorn zu kommen - so entstand diese Konstellation auf links, die schließlich Jarstein verblüffte, Brooks düpierte - nach einer Stunde war das Topspiel wieder unentschieden. Den neuerlichen Unterschied machten Schieber und Stark durch einen koproduzierten Kopfballtreffer, und dann noch das Glück, weil Zoller einmal an den Pfosten schoss.

Der Sieg war verdient, wenn auch knapp. Das Überraschende war eigentlich, dass das Topspiel den Titel verdiente. Köln ist keineswegs die langweilige Spielverderbertruppe, für die man sie letzte Saison noch halten mochte, sondern eine ziemlich komplette Mannschaft, die in Modeste einen Anker gefunden hat. Hertha allerdings hat den größeren Anker, und der hängt an der kürzeren Kette. Ibisevic ist mit dem Spiel besser verwachsen. Die Mannschaft ist ein starkes Kollektiv geworden, gerade deswegen, weil auch wieder konstruktive Aus- und Einwechslungen möglich sind.

Das alles ergibt in Summe gleich wieder ein Spitzenspiel am kommenden Wochenende. Es wird noch viele geben, wenn nicht alles täuscht, denn die enge Liga ist in dieser Saison in der Breite noch einmal dichter geworden - der Pulk reicht bis Platz 11, den Hertha heute morgen anführt. Das ergibt über den Daumen gerechnet bis zu 20 Topspiele pro Saison. Nehmen wir alles gerne mit. Hertha BSC trägt derzeit ganz wesentlich dazu bei, dass die Bundesliga eine Topliga ist. Brondby ist nur noch ein Name. Und wo spielt noch mal der FC St. Pauli? Bevor wir es vergessen: Am Dienstag gibt es schon wieder ein Topspiel.


Eingestellt von marxelinho am 23. Oktober 2016.
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