26. März 2014

"Ich hatte so einen schönen Schein"

Das 1:3 von Hertha gegen Bayern am Dienstagabend habe ich in einem Wettcafe im Bahnhofsviertel von Frankfurt/Main verfolgt. Aus beruflichen Gründen bin ich eine Woche nicht in Berlin, die Dauerkarte hatte ich einem befreundeten Fan des FCB gegeben. Das Wlan im Hotel hatte bis dahin gut funktioniert, am Ligaabend aber brach es zusammen - ob da ein Zusammenhang besteht, kann ich nicht sagen. So ging ich also vor die Tür, und hinein in eine Welt, die ich so genau bisher noch nie beobachtet hatte. Gut zwanzig Schirme, auf denen alle Kanäle des deutschen Bezahlsenders geschaltet waren. Das Berliner Spiel direkt neben dem Malocher-Classico BVB-S04, dann einer mit den stets aktualisierten Quoten, nicht zuletzt nach einem frühen Führungstreffer von Swansea bei Arsenal. Dahinter das Manchester Derby. Alles in einem Stimmengewirr aus Kommentatoren und Wettern. Alles in einer monumentalen Tabakwolke, die gut zu diesem speziellen Höhlengleichnis passt: "Ich hatte so einen schönen Schein."

Hinter einem Tresen die einzige Frau, eine Blondine, die manuell Wetten annahm. Die meisten spielten Toto, waren also am Ausgang mehrerer Spiele interessiert, und reagierten dementsprechend oft. Es werden viele verschiedene Sprachen gesprochen. Stilistisch hingegen gleichen die Wetter einander sehr, nur am Neuigkeitsgrad der Sneakers sieht man, ob jemand eher zum Spaß da ist, oder tatsächlich einen Gewinn gut gebrauchen könnte.

Das Berliner Spiel kann man in so einer Situation natürlich nur mit eingeschränkter Aufmerksamkeit verfolgen. Ich denke, das war aber auch nicht notwendig. Der Coach hatte mit Hany Mukhtar in der Startelf ein deutliches Zeichen in Richtung Freispiel gesetzt, es ging in erster Linie darum, dass ein van den Bergh sich von Robben einmal eine ordentliche Trainingseinheit holt, ein Brooks übt, wann es angebracht ist, aggressiv die Kette zu verlassen, ein Schulz, wie man die Fünferkette, in die er immer wieder zurückgedrängt wurde, zumindest ab und zu elastisch und offensiv entspannt.

Ich könnte mir vorstellen, dass es auch im Stadion selbst ein bisschen unwirklich war, denn die Bayern machten ja nicht mehr richtig Druck nach dem zweiten Tor, in der zweiten Halbzeit schien Hertha sogar in winzigen Dosen so etwas wie eine weit entfernte Chance auf irgendetwas zu bemerken, doch der Schiedsrichter verstand von diesen Subtilitäten nichts und gab einen lächerlichen Elfmeter, den Ramos mit einem für seine sensiblen Verhältnisse eigentlich schon extrem ironischen Lupfer verwandelte.

Währenddessen vergab der BVB gegen Gazprom eine Chance nach der anderen, in einem Spiel, in dem es wirklich zur Sache ging. Bei einer Niederlage in der Arena auf dem Berg in Gelsenkirchen wechselt Hertha endgültig in den unteren Tabellenkomplex, der nach einem Sieg von Braunschweig immer kompakter wird. Das Spiel in der anderen Umlaufbahn ist überstanden, jetzt könnte die Mannschaft ihren Mumm auspacken. Und auch vom Trainer würde ich ab jetzt eigentliche neue Sprachregelungen erwarten. Die Zeit des Beschwichtigens hat lange genug gedauert.


Eingestellt von marxelinho am 26. März 2014.
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