01. April 2017

Junge, Junge

Maximilian Mittelstädt bleibt nach diesem Freitagabend eigentlich gar nichts anderes übrig, als eine große Karriere zu haben. Denn in seinem ersten großen Ligaspiel mit richtig Verantwortung war er der Pechvogel par excellence, alle Szenen, die entscheidend zum 1:3 von Hertha gegen Hoffenheim beitrugen, hatten mit ihm zu tun. Und doch kann man ihm nicht wirklich viel vorwerfen, denn hoch verdiente, erfahrene Profis wie der Kapitän Vedad Ibisevic begingen vergleichbare Fehler.

Das Heimspiel gegen Hoffenheim war in vielerlei Hinsicht von besonderer Bedeutung. Hertha hatte eine stolze Heimbilanz zu verteidigen, ein Sieg hätte bedeutet, Hoffenheim in Reichweite zu halten und im Grunde sogar noch um die Champions League-Qualifikation mitspielen zu können. Zudem begann am Freitag nach der Länderspielpause die dichteste Phase des Jahres. Von nun an ist Endspurt.

Und Hertha begann gut. Auffällig weit vorn nahm sie das Spiel an, suchte nach der Balleroberung schon im ersten Drittel des Gegners. Hoffenheim zeigte, dass die Tabellenposition kein Zufall ist. Die erste halbe Stunde war ein intensives, taktisch geprägtes Duell auf Augenhöhe, mit konzentrierter Defensive auf beiden Seiten - zwei hoch integrierte Mannschaften bearbeiteten sich nach allen Regeln des Raumraubs und des abgesicherten Zweikampfs.

Der Führungstreffer hatte mit der Spielanlage zu tun. Per Skjelbred, sonst oft ein reiner Zerstörer, neben Niklas Stark nun aber mit (nicht vielen) offensiven Akzenten, bekam im Mittelfeld den Ball - und er ging nach vorn. Der Pass auf Kalou kam im rechten Moment, dessen flache Hereingabe kam exzellent zu Esswein, der übernahm volley, traf aber den Ball nicht, jedenfalls fast nicht. Der Abpraller fiel perfekt für Pekarik, der mit einem satten Schuss ins kurze Eck abschloss.

Der Jubel des Torschützen, der solche Situationen kaum kennt, die innige Freude des Coaches, das alles hätte einem tollen Abend den Weg bereiten können. Aber dann kam bald darauf die Szene im eigenen Strafraum, in der Mittelstädt den Ball an die Hand bekam. Gegen den Elfmeter hatte Jarstein keine Chance, aber selbst diese hätte er beinahe genützt. (Dieser Satz ist grammatikalisch Unsinn, gebe ich zu.)

Der Ausgleich vor der Pause knockte Hertha schwer an. Ibisevic hätte eigentlich vom Platz gemusst, der Kapitän war heiß, er ging wütend in die Zweikämpfe, eine erste gelbe Karte bekam er wegen einer aufbrausenden Reaktion auf eine Zweikampfbewertung (Foul, zu Recht), die zweite ersparte ihm der Schiedsrichter, obwohl auch dieses Foul eindeutig zu einer Verwarnung hätte führen müssen.

Maximilian Mittelstädt hatte seine erste gelbe Karte für das Handspiel bekommen, die zweite gab es dann nach knapp einer Stunde. Sie war wieder unglücklich, denn der junge Herthaner traf den Ball, rutschte mit dem Ball blöd aus, Amiri wand sich vor Schmerzen. Wie sagt man zu so einer Situation? "So darf man in so einer Situation nicht hineingehen." Pech, Unerfahrenheit, gebrauchter Tag. Mittelstädt hatte eine eigentlich ein gutes Spiel gemacht.

Hertha hat (noch) keine Mannschaft, die in einem Spiel über sich hinauswachsen kann, die auch einmal etwas gegen den Trend schaffen kann. Für einen "uphill struggle" fehlt es ihr an vielem, vor allem aber wohl an positiven Erfahrungen. Dieses Team hat einfach noch zu wenige Spiele gedreht, hat kaum Erinnerung an heroische Fights mit 10 gegen 11. Wenn Hertha gewinnt, dass meistens schmucklos und ohne große Story.

Das merkte man dann auch gegen Hoffenheim in der letzten halben Stunde, als ein Sieg schon recht unwahrscheinlich schien, und eher die Frage war, ob vielleicht ein Punkt zu retten wäre. Der naturgewaltige Niklas Süle, der zu diesem Zeitpunkt schon einen halben Stürmer spielte, weil Ibisevic ausgewechselt war, sorgte mit einer Granate aus 25 Metern für die Entscheidung.

Hertha musste also abreißen lassen. Hoffenheim hat jetzt acht Punkte Vorsprung. Damit ist die Sache klar, und zwar im Sinne des deklarierten Saisonziels: Platz 5 oder 6 ist bei seriöser Leistung in den letzten acht Spielen eine reelle Möglichkeit. Die erste Halbzeit gegen Hoffenheim war jedenfalls ausgeglichen, und zwar auf einem anderen als einem rein taktischen Niveau. Hertha hat Fußball gespielt.

Der Kader gibt allerdings Grund zur Sorge. Es fehlt ein bisschen an Alternativen. Esswein konnte sich nicht wirklich für weitere Auftritte in der Startelf empfehlen. Darida spielt seit Wochen auf eine rätselhafte Weise anonym. Ibisevic ist gegen Gladbach gesperrt, da muss dann wohl Allagui ran. Na ja. Immerhin hatte Torunarigha seinen ersten richtigen Auftritt für die erste Mannschaft (nach einer Schnupperminute gegen Ingolstadt). Und das Dreieck Brooks - Stark - Langkamp könnte noch einmal richtig berühmt werden. Das steckt Kult drin, auch wenn Stark es war, der gegen Süle zu spät kam.

Marvin Plattenhardt sah sich die Sache von der Tribüne aus an. Er ist einer der wenige Spieler bei Hertha, die den Unterschied ausmachen können. Maxi Mittelstädt hat am Freitag leider den Unterschied in die andere Richtung ausgemacht. Aber in diesem wie in fast allen anderen Fällen gilt: der Einzelne ist immer so angreifbar wie die Mannschaft. Die Mannschaft wird zurückkommen, und mit ihr auch die Nummer 34.


Eingestellt von marxelinho am 1. April 2017.
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