05. Februar 2017

Komische Fragen

Die Freitagspiele der Bundesliga sind eine nützliche Angelegenheit. Ich bekomme da immer wieder Mannschaften zu sehen, von denen ich nicht so viel weiß, und es gibt auch immer wieder einen Eindruck davon, wo die Liga insgesamt gerade so steht. Vorgestern hatte HSV-Leverkusen laufen, ohne Ton, was den chaotischen Gesamteindruck noch verstärkte. Ein wildes Gegurke, das aber doch irgendwie ein richtiges Ende fand, mit einem ebenso zufälligen wie folgerichtigen Kopfballtor nach einer zweimal angesetzten, hoch spekulativen Flanke.

Warum erzähle ich das? Weil Pal Dardai am Samstag in der Pressekonferenz nach dem 1:0-Heimsieg gegen Ingolstadt etwas Bedeutsames gesagt hat: das Gegurke, die langen Bälle, das Umgehen des Spiels zugunsten permanenten Gestochers und eines langen Zweikampfgewimmels, all das ist nicht Stil von Hertha BSC. Hertha steht für Passpiel. Der Rasen im Olympiastadion gibt das zur Zeit nicht her. Die Spieler haben zwar "hervorragend geackert", allerdings nicht in dem Sinn, wie der HSV das am Freitagabend getan hat. Sie haben im Acker ein Spiel gesucht, wie in dem Gleichnis aus dem Matthäus-Evangelium.

Der Hintergrund zu dieser kleinen Erörterung der Bodenverhältnisse liegt in dem Umstand, dass der Sieg gegen die Schanzer die Situation nicht geklärt hat. Das Tor fiel schon in der 2. Minute, und danach verfestigte sich immer mehr der Eindruck, dass das auch die einzige Möglichkeit war. So handelt es sich bei diesem Ergebnis wohl um ein "0:0, das sich als 1:0 verkleidet hat" (in Abwandlung von Thomas Tuchels Statement über ein 4:0 des BVB gegen Leipzig gestern, das sich auch als 1:0 verkleidet hat).

Das erste Heimspiel in der Rückrunde sollte ein wenig Klarheit bringen über die Möglichkeiten von Hertha in dem kommenden Halbjahr. Es gibt deutliche Mangelerscheinungen zu bemerken, die an trüben Tagen (Berlin zeigte sich gestern insgesamt von seiner unangenehmsten Seite) leicht als Krise durchgehen.

Der Sieg gegen Ingolstadt war schon das absolute Minimum, das eine Mannschaft von sich verlangen muss, die offiziell nach Europa will. Es wurde dann aber auch noch extra minimalistisch erreicht. Unsicher erscheint nun zusehends, ob Hertha unter Dardai eigentlich schon einmal mehr vom Spiel wusste als derzeit. Das ist eindeutig der Fall. Fragt sich also, ob die derzeitig Spielschwäche einfach mit individuellen Formkurven (Darida) oder mit einem ungenügenden Konzept zu tun hat.

Am ehesten scheint es mit einer allgemeinen Einstellung zu tun zu haben. Viele Hertha-Spieler machen den Eindruck einer gewissen Genügsamkeit, jedenfall sind sie nicht "hungrig", wie man das von großen Sportlern oft sagt. Die Mannschaft will nichts falsch machen, kommt so aber kaum einmal zum Richtigen. Auch nicht in einer Formation mit Darida auf der 8 und Stocker auf der 10.

Dahinter steht vielleicht diese Idee, dass die Spiele hinten hinaus mehr hergeben, man sie also nur solange herunterkühlen muss, bis sich am Ende ein Fenster der Gelegenheit ergibt. Zuletzt war Hertha zu diesem Zeitpunkt aber immer schon zwei Tore zurück.

Pal Dardai sprach von "komischen Fragen", als jemand von ihm wissen wollte, warum Hertha nach dem frühen Führungstor gegen Ingolstadt nicht befreit aufgespielt habe. Von einer Befreiung war das Spiel tatsächlich weit entfernt. Die Fragen aber sind in der Sache berechtigt. Sie müsste am ehesten so gestellt werden: Wie will eine Mannschaft mit einem Konzept radikaler Durchschnittlichkeit sich im ersten Drittel behaupten? Das ist die Krise, die man natürlich jederzeit beenden kann, indem man Platz 9 als das neue Saisonziel ausgibt. Man kann sie aber auch beenden, indem man sich mit dieser Mediokrität (sie prägt Hertha derzeit fundamental) nicht zufriedengibt.

Das Spiel gegen Ingolstadt war dazu nicht die beste Gelegenheit. Das Spiel auf Schalke hingegen wird eine ideale Gelegenheit. (Und das Pokalspiel gegen den BVB kann Energien freisetzen.)


Eingestellt von marxelinho am 5. Februar 2017.
Keine Kommentare