25. September 2014

Krümmungsfaktor

Es war ein gutes Gefühl, wieder einmal mit drei Punkten im Gepäck aus dem Olympiastadion nach Hause zu fahren (auch wenn die BVG es uns dann ziemlich erschwert hat). Die drei Punkte gehören der Mannschaft, aber es ist im Fußball eben ein bisschen so wie mit der Brotvermehrung in der Bibel: es haben viel mehr Menschen etwas davon. Beschwingt war ich auch von der großartigen Schlussphase der Ostkurve: um die 80. Minute begann sie mit einem Olé-Chant, der dann bis zum Schlusspfiff durchgehalten wurde. Am Ende machten wir alle, so gut wir konnten, mit.

1:0 gegen den VfL Wolfsburg. Gegen die wenig beliebte Mannschaft aus Niedersachsen tun Siege besonders gut, auch deswegen, weil sie bei Hertha nicht so oft vorkommen. Insgesamt war es erst der zweite Heimsieg im Jahr 2014. Und er war verdient. Gerade rechtzeitig hat Hertha die Kompaktheit wiedergefunden.

Es war im Grunde ein klassisches torloses Remis, das geboten wurde, aus dem allerdings zwei Aktionen hervorragten, zwei Angriffe von Hertha, die jeweils zu Kalou führten. Der erste führte schon zum Erfolg, allerdings kam er ein wenig außerpanmäßig zustande. Einmal griff Ndjeng, auch weil sich die Gelegenheit bot, deutlich in des Gegners Hälfte ein, nahm Rodriguez den Ball ab, und machte daraus in einer flüssigen Bewegung eine so unglaublich perfekte Flanke mit einem von keiner EU-Behörde regulierbaren idealen Krümmungsfaktor, dass Kalou souverän per Kopf verwerten konnte.

In Halbzeit zwei kam Kalou noch einmal zentral vor das Tor, nach langer Flanke von Beerens und Kopfballweiterleitung von Haraguchi. Da scheiterte er an Benaglio. Ansonsten war der neue Star bemüht, aber unauffällig. So eifrig wie Adrián Ramos arbeitet er nicht gegen den Ball. Die "Bindung" kann sicher noch besser werden.

In der Regel machte Hertha erst ab der Mittellinie die Räume eng, dann allerdings leidenschaftlich und höchst konzentriert. Als Caligiuri in der zweiten Halbzeit einmal von links außen in Richtung Strafraumecke zog, stand ihm deutlich weniger Raum zur Verfügung als bei dem vergleichbaren Manöver, das ihm beim letzten Besuch von Wolfsburg zu einem Weitschusstreffer diente. Und Nicklas Bendtner hatte keinen Auftrag bei Lustenberger, Heitinga, Hosogai und Skjelbred.

Der Coach hat also eine Antwort auf die Probleme gefunden. Hertha spielt wieder ein bisschen mehr so wie vor einem Jahr, mit vielleicht noch ein bisschen weniger Risiko. Beim Tor war sicher auch Glück dabei, trotzdem will ich hiermit Abbitte bei Marcel Ndjeng leisten. Dass auf beiden Seiten die Abstimmung zwischen Pekarik und Haraguchi wie auch zwischen Ndjeng und Beerens nach vorn nicht optimal war, hatte auch mit der insgesamt doch sehr vorsichtigen Grundkonzeption zu tun. Zu offensiven Kombinationen war kaum Gelegenheit.

Zu bemängeln gibt es bei diesem Arbeitssieg eigentlich nichts, weil es wirklich nur um die drei Punkte ging als Grundlage für eine Arbeit, die noch viele Möglichkeiten lässt. Es mangelt häufig an einer gewissen Geistesgegenwart bei der Eröffnung offensiver Spielzüge (Hosogai), und Ronny war ein Stück weiter vorn schwach in der Ballverteilung. Auch über seine Eckbälle könnte man sprechen.

Egal. Am Sonntag fährt Hertha nach Augsburg. Aus verschiedenen Gründen ist das ein privates Saisonziel, das ich formuliert habe: Hertha soll am Ende vor Augsburg liegen. Denn das ist eine Mannschaft, die durch gute Arbeit letztes Jahr weit kam, eine Mannschaft, bei deren Kader die Verantwortlichen von Hertha nicht wie bei Wolfsburg auf die höhere "Qualität" verweisen können, eine Mannschaft, die man durch bessere Arbeit schlagen könnte. Zuletzt waren das fast schon neutralisierte Begegnungen.

Gestern hat Hertha eine taktische und auch eine mentale Grundlage geschaffen für ein bisschen Wagemut.


Eingestellt von marxelinho am 25. September 2014.
Keine Kommentare