21. November 2004

Kunst und Gemüse

"Nüscht. Lange Unterhosen habe ich nicht angezogen." Schon in der U2 hatten die Leute sich eine Strategie für das kalte Spiel gegen Rostock zurechtgelegt. "Erst mal eine Wurst." Die Stimmung war dann von Beginn an gut, auch deswegen, weil der Fanblock mit der "Baltischen Kraft" die bisher beste Gästeleistung in dieser Saison bot. Hansa und Hertha haben zum Teil fast die gleichen Chants, und sie ließen sie mit Macht aufeinander los. Falko Götz hatte auf Malik Fathi links hinten verzichtet, wodurch Gilberto ein wenig defensiver spielen mußte, um der Armada im Mittelfeld den nötigen Raum zu geben: Bastürk-Marcelinho-Neuendorf etablierten einen Kreisel, in dem Hein Blöd endgültig um den Verstand gekommen wäre. Vorne warteten Fredi Bobic und Nando Rafael auf ihre Chancen, hinten entpuppte sich Madlung als Defensivmonster, und Simunic hatte einen "Field Day".

Marcelinho demonstrierte das Selbstbewußtsein der Mannschaft recht bald, indem er einen Rückpass auf Fiedler spielte, der wie eine ironische Variante jenes fatalen Zuspiels auf Ailton aussah, das Hertha im Rückspiel gegen Werder in der letzten Saison vor eigenem Publikum das Genick gebrochen hatte. Dieses Mal kam der Pass so, daß der Gegner zwar eine Sekunde lang eine Chance sah. Der Ball war aber unerreichbar, Fiedler kam rechtzeitig heraus, es war alles paletti.

In der 30. Minute hatten wir Rostock richtig "am Kicker" (wie man in Deutschland sagt, phonetisch jedenfalls). Kurz darauf bekamen wir ein dummes Tor, das von der Fathi-Seite ausging (wo er also nicht war), wodurch das ganze Match aus der Balance geriet. Der Rest war dann klarerweise weniger diszipliniert und kühl als neulich auf Schalke. Dafür war es leidenschaftlich, ein wildes Gewoge, und man konnte unzählige Male sehen, wie schnell die Hertha heuer von hinten nach vorne (von heute auf morgen!) kommen kann - im Nu nämlich.

Seltsam, daß wieder einmal Marcelinho den Ausgleich schießen mußte: er war nicht immer präzise, er tat viel und schaffte nicht ganz so viel, aber er hat noch eine Qualität, die ich erst langsam begreife - er ist wirklich ein Animal Futebol, er will den Ball mit aller Macht dort hineinbefördern, und da dies nicht immer in seiner Macht steht, vertraut er manchmal auf etwas Höheres - ich meine jetzt nicht den Fußballgott, und ich bin auch kein Willensmetaphysiker, aber Marcelinho hat mir dieses Mal wirklich imponiert.

Die Hertha stellte heute einen neuen Sponsor vor: HMI verkauft etwas, was ich nicht kenne. Die Angestellten der Firma, die Freikarten hatten und auf der Stadionleinwand auch ins Bild kamen, bekamen jedenfalls einen guten Eindruck davon, was es heißt, ein Hertha-Fan zu sein: In den blühenden Landschaften wachsen Kunst und Gemüse nebeneinander. Es war dann gar nicht einmal so kalt.


Eingestellt von marxelinho am 21. November 2004.
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