27. März 2014

Limitierte Lösung

Ich wäre dafür, dass Hertha BSC ein weiteres Saisonziel ausgibt. Es sollte darin bestehen, auch in der Rückrundentabelle nicht auf einem Abstiegs- oder Relegationsplatz zu stehen. Nach dem Spiel gegen den FCB ist Hertha in dieser besonderen Liste auf den 16. Platz gefallen, es wird nun also an der Zeit, aber es ist sowieso an der Zeit. Für die kommende Saison und für die lange Sommerpause wird es wichtig sein, dass auch noch ein Momentum aus dieser Hälfte der Saison mitzunehmen ist. Es wäre nicht besonders inspirierend, wenn Hertha nun siebzehn Spiele lang in das Bett, das im alten Jahr bereitet wurde, versinkt. Das sieht ein wenig zu moribund aus.

Der Trainer verschärft in der Zwischenzeit auch schon den Ton. Doch erscheint er mir dabei nicht vollständig überzeugend. Bisher hat er zumeist die Mannschaft durch die beschränkten Möglichkeiten des Vereins interpretiert und sie so vor übergroßen Erwartungen zu schützen versucht. Nun exponiert er sie, und zwar nach nicht gut nachvollziehbaren Kriterien. Dass er Ben-Hatira indirekt unterstellt, er wäre zu leicht zufrieden, mag gute Gründe haben; doch kann der in der Hinrunde immer wieder positiv in Erscheinung getretene Offensivspieler mit ähnlich guten Gründen darauf verweisen, dass er erst wieder ein wenig Spielpraxis braucht. Und Luhukay hat ihn nicht gerade mit diesem "benefit of a doubt" in die Mannschaft zurückgeholt, sondern ihn gegen Bayern - im Freispiel, im Training unter Wettbewerbsbedingung - schon wieder draußengelassen.

Noch eklatanter verhält sich die Sache mit Johannes van den Bergh. Er wurde im vergangenen Sommer für die Position links hinten geholt, wohl wissend, dass er eine billige Lösung darstellt, wohl auch eine spielerisch limitierte. Was Luhukay jedoch in den letzten Wochen mit van den Bergh macht, der gegen S04 nicht im Kader steht, ist für meine Begriffe schlechte Pädagogik. Er schiebt ihn hin und her, mal positionell, mal insgesamt, und dies, wo doch die Alternativen allenfalls fadenscheinig sind.

Nun könnte er gegen S04 vielleicht auf eine Variante zurückgreifen, die nicht ohne Reiz ist: Schulz hinter Ben-Hatira. Doch scheint mir insgesamt, dass bei einer Mannschaft, der das Rückgrat fehlt (Lustenberger, Cigerci, Baumjohann), schon seit einer Weile zu viel rotiert wird. Das halte ich für einen Ausdruck dessen, dass auch Luhukay inzwischen bemerken wird, dass seine Rhetorik der reduzierten Erwartungen an Grenzen stößt. Das, was Hertha derzeit fehlt, leisten Mannschaften wie Braunschweig, Nürnberg, Augsburg durchaus, also Mannschaften der Preisklasse, aus der Luhukay Hertha nicht herausreden kann.

Wir gehen also derzeit durch eine Phase, in der sich auch die Erwartungen an den Trainer der Wirklichkeit anpassen. Er ist ein ganz normaler Coach, der die Erfahrung macht, dass die Saison lang ist. Und man kann in diesen Wochen der Entscheidung eben nicht mehr Grundlagenarbeit machen, sondern muss irgendwie mit dem, was da ist (konditionell, taktisch, mental), über die Zielgerade kommen. In allen drei Bereichen hat Hertha nachgelassen, was natürlich nahelegt, über eine generelle Müdigkeit der Mannschaft nachzudenken. Also über das Konditionstraining - hat es die richtige Dramaturgie?

Van den Bergh ist für mich das eigentlich Gesicht dieser Mannschaft 2013/2014, mit allen Höhen und Tiefen verkörpert er für mich einen guten Professionalismus, der aber an Grenzen stößt. Dass sich der Trainer nun (für ein Spiel) von ihm trennt, halte ich für bedauerlich - und auch für bedenklich. Es hilft jetzt nichts, Einzelne anzuzählen. (Bei Pekarik könnte man noch sagen, er kann eine Pause vielleicht wirklich gebrauchen.) Irgendwann ist jeder Trainer mit dem Anzählen so weit reihum, dass er sich selber trifft. Davon ist Luhukay weit entfernt, aber allein dass dieser Gedanke auftaucht, zeigt, wie weit auch er selber in den Mühen der Ebene angekommen ist.



Eingestellt von marxelinho am 27. März 2014.
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