10. Mai 2015

Linientreue

Gestern saß ich im Zug, als Hertha gegen Dortmund spielte. Ich war ungeduldig, und wollte nicht darauf warten, mir daheim die Aufzeichnung anzuschauen. Also buchte ich, wider besseres Wissen, ein Hotspot-Ticket der Telekom für WLAN im Zug. Dabei erwies sich einmal mehr, dass das Angebot des Marktführers technisch ungefähr auf dem Stand von 2007 ist - in etwa dieser Qualität bekommt man Bewegtbilder geliefert. Wahrscheinlich hängt das Signal vom hauseigenen Mobilfunknetz ab, bei dem man sich ja auch immer wieder wundert, warum ausgerechnet die Hauptverkehrsadern so schlecht ausgebaut sind.

Ich musste also dann doch später daheim das Spiel aus der Konserve schauen, was angesichts des schon bekannten Ergebnisses nicht so ersprießlich war, und wohl auch meinen Eindruck ein wenig verzerrt. Allerdings ist es nicht so, dass Coach Pal die Sache viel positiver gesehen hätte: Er sprach in der Pressekonferenz von "Mist", meinte damit allerdings nicht die Leistung selbst, sondern etwaige Versuche, sie schönzureden.

Das wird niemand versuchen. Hertha war Dortmund in allen Belangen und vor allem konzeptionell absolut unterlegen. Der frühe Gegentreffer durch Subotic besiegelte die Sache nach zehn Minuten, der BVB musste danach nicht mehr viel tun, dass sie weit vorne pressen, ist ja bekannt, dass sie viele Spieler haben, die sich zwischen den Linien wohlfühlen, ebenfalls. Hertha hingegen war intensiv mit Linientreue beschäftigt, die interessanteste Offensivsituation für Skjelbred ergab sich, nachdem er wegen einer Behandlungspause "out of position" war.

Die fünf Spiele, mit denen die Saison endet, wurden zuletzt rhetorisch unterschiedlich unterteilt: Dardai sprach von "drei Matchbällen" inklusive BVB, während Langkamp andeutete, dass die Mannschaft eher von zwei Matchbällen ausgeht, weil davor null Punkte aus drei Begegnungen mit den Großen "einkalkuliert" waren. In der Hinrunde waren die beiden Spiele gegen Frankfurt und Hoffenheim ein bisschen verrückt, das darf sich so nicht wiederholen, allerdings hilft die unbeholfene Orthodoxie, mit der Hertha das Spiel in Dortmund anging, auch nicht weiter.

Dass nach der Pause Sandro Wagner für Kalou kam, begründete Dardai damit, dass er den Eindruck hatte, "es fehlt etwas". In diesem Fall fehlte allerdings mehr als nur das Engagement von Kalou, der gewohnt diskret war und der in der einzigen interessanten Szene des ersten Durchgangs von Stocker übersehen wurde. Es fehlte eine Perspektive, wie mit diesem Spiel anders umgegangen werden könnte.

Nach den drei Niederlagen sieht Hertha augenblicklich wie das spielerisch am deutlichsten limitierte Team des erweiterten Abstiegskampf aus. Das mag sich gegen einen erreichbareren Gegner wieder ändern, wird aber zum Beispiel dadurch erhärtet, dass Hertha in der Chancentabelle des Kicker auf Platz 18 steht (da diese Tabelle zugleich eine Effizienztabelle ist, steht dem auch ein positiver Wert entgegen).

Die Liga ist unglaublich eng, aber die Unterschiede auf der evolutionären Skala sind auch enorm. Hertha konnte Dortmund zuletzt zweimal ärgern, ist aber insgesamt von der Entwicklung des Spiels doch ziemlich abgehängt. Konkret gibt es keinen Grund zur Panik. Die Mannschaft kann sich in Ruhe auf das Heimspiel gegen Frankfurt vorbereiten, sie hat da sicher alle Möglichkeiten, und auch das Personal, zu punkten.

Insgesamt aber ist die Lage bedenklich. Hertha gleicht seit Jahren einem Studenten, der dauernd damit beschäftigt ist, das Geld zum Leben zu verdienen, und der deswegen nicht zum Lernen kommt. Man nennt das eine prekäre Lage. Nächsten Samstag ist eine Gelegenheit, sie entscheidend zu verbessern.



Eingestellt von marxelinho am 10. Mai 2015.
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