17. Januar 2016

Lob des Polytheismus

Das Wort Fußballgott hat drei Silben. Das hat Folgen für die Identifizierung von Fußballgöttern. Nehmen wir Robert Lewandowski, eindeutig ein Kandidat: reimtechnisch hapert es. Nicht zu reden von Jan-Ingwer Callsen-Bracker oder Alex Oxlade-Chamberlain, oder am anderen Ende von Ronny oder Hulk. Die Fans haben das Problem erkannt und auch gelöst: Der Titel Fußballgott muss sich nicht reimen, schon gar nicht hexa- oder anderweitig metrisch, er wird einfach, wenn es angebracht ist, hinten an etwaige Namen drangehängt - als Bekräftigung eines Umstands, der allen klar ist: Fußballgötter gibt es in vielerlei Gestalt, es herrscht ein derartiger Fußball-Polytheismus, dass man diesen Glauben nur bedingt ernst nehmen kann. Und das tun wir gerade, wenn wir Spieler als Fußballgötter bezeichnen.

Diese kleine Überlegung entstand in mir, als ich mir vorab die ARD-Sendung 11 Götter sollt ihr sein. Fußball als Ersatzreligion ansah, die heute Abend zur Ausstrahlung kommt. Als ausgebildeter (und vom konkreten, katholischen Glauben abgefallener) Theologe fand ich das Thema naturgemäß spannend, die Umsetzung allerdings weniger. Das hat nicht allein mit der Auswahl von Christoph Daum als Gesprächspartner zu tun ("Fußball ist für mich keine Leidenschaft - Fußball ist mein Leben"), sondern doch mit der geringen intellektuellen Qualität der Auseinandersetzung.

Die Parallelen zwischen Religion und Fußball sind zu augenscheinlich, als dass man nicht ein zweites Mal hinschauen sollte: das Gemeinschaftliche, die Ekstase, das Rituelle, die Sinnstiftung, das sind alles Begriffe, die sich sofort einstellen, und dann muss man nur noch "You'll Never Walk Alone" in einer tirilierenden Fassung einspielen, und man hat den ganzen Kult beisammen.

Geschenkt. Meine eigenen Erfahrungen aber gehen in die andere Richtung, und ich meine nicht, dass ich damit eine Ausnahme bilde. Fußball ist für mich in erster Linie religionskritisch wirksam geworden. Das beginnt schon mit dem Umstand, dass ich Fan von Hertha BSC und vom Arsenal FC bin. Ich kann es nicht begründen. Natürlich kann ich dazu Geschichten erzählen, aber das sind nachträgliche Rationalisierungen von biographischen Zufällen und von Festlegungen, die auf allen möglichen Umständen beruhen. Wäre ich heute auch Hertha-Fan, wenn damals, als ich noch in Wien lebte, nicht ein Spieler mit dem Namen Sixten Veit in der Sportschau aufgetaucht wäre? Der Klang dieses Namens (Sixten Veit - Fußballgott ginge übrigens auch reimtechnisch ganz gut) war fast so wichtig wie die Attraktivität Berlins, und dazu kamen allerhand weitere Kleinigkeiten - als ich hierher kam, war ich schon Fan, und ich habe das Leben in der neuen Stadt gleichsam mit einer Dauerkarte beim wichtigsten hiesigen Verein gleich ratifiziert.

Dass ich Fan von Arsenal bin, hat viel mit dem Umstand zu tun, dass ich seit 2003 ununterbrochen den einschlägigen Bezahlsender abonniert habe, also sehr viel Fußball schauen kann, darunter auch die Invincibles-Saison 2003/2004. Da war ich aber schon präpariert, im Grunde durch einen einzigen Treffer, den Nicolas Anelka den Bayern zufügte. Zur Vorsicht sehe ich nach, ob mich meine Erinnerung da nicht trügt, und tatsächlich, das Tor, das ich meine, fiel gar nicht für Arsenal, sondern für Real Madrid im Mai 2000. Auf die Fußballdatenbank im eigenen Kopf sollte man sich wirklich nur bedingt verlassen. So ähnlich verhält es sich auch mit den Gründungserzählungen der Religionen.

Mit meiner Anhängerschaft verhält es sich also wie mit den berühmten Voraussetzungen, von denen der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt: er kann sie selbst nicht garantieren, es hängt alles in der Luft. Meine Anhängerschaft lebt von sich selbst. Sie dürfte aber etwas mit der Menschennatur zu tun haben, mit dem strebenden sich Bemühen, das ich in diesem Fall an einen Verein und an eine Mannschaft delegiere, weil ich in den anderen Bereichen des Lebens mit meinem eigenen Streben schon genug zu tun habe.

Der Beitrag in der ARD lässt in seinem Titel und zwischendurch eine Ahnung von einer Struktur des Religiösen erkennen, die ich besonders interessant finde: 11 Götter sollt ihr sein, das bezieht sich auf den Unterschied zwischen den Spielern und den Fans. Die Spieler (häufig als Idole bezeichnet, ein theologisch äußerst resonanter Begriff, bei dem zuerst das Goldene Kalb einfällt) sind Stellvertreter, sie agieren in einem Drama (in einem Spiel), das etwas am Leben verdeutlicht. Dieses Agieren ist allerdings nur auf einer sehr trivialen Ebene sinnstiftend, insgesamt würde ich es eindeutig als sinnzersetzend einschätzen.

Fußball kennt ja auch noch den anderen Gott, mit dem niemand rechten kann. Es ist der Gott, gegen den nicht einmal der Videobeweis hilft. Es ist der Gott, über dessen Eskapaden wir uns schon oft echauffiert haben, und der uns besonders auf die Nerven geht, wenn er sich in Figuren wie Knut Kircher inkarniert, wenn also absolut durchschnittliche Existenzen Schicksal spielen. Dieser Gott kann wie eine Karikatur jener "potentia absoluta" erscheinen, von der die spätmittelalterliche Philosophie sprach: Gott als absolute Willkür. Für den einen oder anderen Denker, den ich schätze, war dies der Umschlagpunkt, an dem die Säkularisierung begann.

Aus der Zersetzung des Sinns, die sich im Fußball andauernd ereignet und die auch nicht durch Siegesserien, nicht einmal durch Titel vollkommen gebannt werden kann, erwächst gleichzeitig die einzige Sinnstiftung, die der Fußball wirklich zu bieten hat: dass er nämlich (hoffentlich) immer weiter geht. Bedroht ist er von allen Seiten, von korrupten "governing bodies", vom Geld, von Karl-Heinz Rummenigge, neuerdings auch von religiösen (?) Fanatikern. Aber vorläufig deutet nichts darauf hin, dass Hertha am kommenden Wochenende nicht gegen Ausgburg die Rückrunde eröffnen wird. Und damit beginnt ein weiterer Zyklus von Spielen, in denen das Kräftemessen zwischen Organisation und Zufall im Idealfall spannend ausgetragen wird. Gute Arbeit spielt dabei eine Rolle, unterliegt aber vielfachen Unwägbarkeiten.

Die Spieler sind dabei Götter in einem vielfachen Sinn, und in Berlin trägt zur guten Laune bei, dass sich auf der Trainerbank derzeit ein vielversprechender Lokalgott mit ungarischem Akzent findet. Pal Dardai ist jetzt schon Kult. Aber sind wir deswegen religiös, wenn wir ihn gut finden? Nur einem sehr allgemeinen Sinn, so allgemein, dasss diese Definition wenig Sinn macht. Und von einer Ersatzreligion wollen wir schon gar nicht sprechen. Wenn schon, denn schon: Hertha ist unser Leben, im Idealfall haben wir aber auch noch andere. Nicht Götter, sondern Leben neben ihr. Religiös wäre es, alles auf ein Leben zu setzen. Aber auch dann ist kaum zu übersehen, dass nicht wir es sind, die dem Fußballgott dienen, sondern dass er uns für unsere Pilgerfahrten zu seinen Spielen mit Aufklärung belohnt. Wir müssen nur den Tatsachen ins Auge schauen. Das hat alles keinen anderen Sinn als den, der sich im Spiel zeigt. Deswegen ist es ja so großartig. Anders nämlich wäre es furchterregend.

11 Götter sollt ihr sein - Fußball als Ersatzreligion, Sonntag 17.1.2016, 17.30, Das Erste


Eingestellt von marxelinho am 17. Januar 2016.
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