17. Mai 2015

Lupfnummer

Zwischen 95 und 98,5 Prozent schwankten nach dem Heimspiel gegen Eintracht die Prognosen über die Gewissheit des Erstligaverbleibs von Hertha zwischen mir und einem guten Freund. Es müsste schon eine Menge zusammenkommen, um am Ende noch auf den Relegationsplatz zu plumpsen. Allerdings befindet sich die Mannschaft ein wenig im Trudelmodus. Aber man kann ja auch eintrudeln. Das ist immer noch besser als bis knapp an den Abgrund durchgereicht zu werden wie im Vorjahr.

Nach dem gemütlichen Spiel (keine der beiden Mannschaften kam auf 110 Kilometer) konzentrierten sich viele Statements auf die eine Szene, in der Kalou allein vor Trapp auftauchte, und ihm den Ball in die ausgestreckte Hand lupfte. Es war tatsächlich ein kümmerlicher Abschluss, allerdings machte der berühmteste Herthaner manches durch eine besser integrierte Gesamtleistung wett.

Hertha hatte mehr vom Spiel, hatte Chancen, ließ nichts zu, war aber insgesamt zu sehr mit den definierten Anforderungen beschäftigt, um so richtig kreativ zu werden. Im Grunde konnte man sehr gut ausnehmen, wo die Arbeit für den Kaderplaner im Sommer liegen wird: Skjelbred ist eher ein Siebener als ein Achter, gestern wirkte er bieder. Lustenberger ist als Sechser defensiv so beschäftigt, dass er kaum offensive Momente hat. Haraguchi und Schulz sind Grünhörner, auch wenn bei beiden wirklich interessante Ansätze zu sehen sind.

Stocker ist in der offensiven Zentrale häufig damit beschäftigt, die Lücke zu schließen, die zwischen Skjelbred und Kalou beim Anlaufen klafft, eine sehr große Lücke, weil Kalou das Anlaufen ja immer nur andeutet. Das hat wohl mit der Eleganzambition zu tun, die sein Spiel nach wie vor besonders prägt. Ich würde niemals vom einem Spieler verlangen, dass er sich das Hinterteil aufreißt, aber ich finde, dass auch intensive Arbeit eine große Schönheit haben kann.

Hertha steckt knapp vor dem Ende der Saison in der Konsolidierungsfalle. Die erste Elf, die sich gefunden hat, weiß nun, was zu tun ist, darüber hinaus aber gelingt wenig. Gestern mag der "schlechte" Druck, also der Druck "unten", eine Rolle gespielt haben. Gegen Sinsheim könnte auf diese Weise der nächste Punkt durchaus drin sein. Das wäre dann der entscheidende Punkt gegen die Durchreiche.


Fankulturell war es ein sehr interessanter Nachmittag. Aus Berlin kamen keineswegs die Mobilisierungsmassen in Scharen, man muss wohl einsehen, dass die Grenze der belastbaren Hertha-Schar bei rund 50000 Zuschauern liegt, alles darüber hinaus sind Konjunkturfans, die nur kommen, wenn die Zeichen positiv stehen. Die Eintracht-Fans machten eine Halbzeit lang ordentlich Radau, und zündeten dann vor Beginn der zweiten Halbzeit allerhand giftiges Zeug - es dauerte, bis sich die Wolke verzogen hatte, die früh auf den Platz zurückgekehrten Hertha-Spieler mussten sich sogar in Sicherheit bringen (ein paar Meter), um einer Rauchgasvergiftung zu entgehen.

Ein Sieg wäre kathartisch gewesen, ein "statement of intent" für die neue Saison, eine Woche Handlungsvorsprung zudem auf dem Transfermarkt. Eine große Rolle wird zumindest dieser letztere Aspekt nicht spielen, geht es doch eher darum, den im Vorjahr so amorph gewordenen Kader zu verschlanken. Dass Ronny gestern noch einmal zum Einsatz kam, war eher einer gewissen Ratlosigkeit geschuldet. Hegeler war gar nicht im Kader. Hertha hat jetzt noch ein Spiel Gelegenheit, um die Absichten für die nächste Saison selbst anzudeuten. Ansonsten könnte alles so weitergehen, wie dieses Jahr: einfach irgendwie drinbleiben. Aber die Diskussion darüber ist erst einmal für eine Woche vertagt.


Eingestellt von marxelinho am 17. Mai 2015.
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