04. Dezember 2014

Mangelerscheinungen

Die aktuelle Saison von Arsenal sehe ich immer auch ein bisschen unter dem Aspekt, dass ich das erste Spiel ja live im Emirates verfolgt habe: ein mühsamer Sieg gegen Crystal Palace in letzter Minute. Gestern kam das einzige Tor gegen Southampton ein paar Minuten früher, aber es dauerte wieder fast bis zum Schluss. Damit deutet sich an, dass die Premier League ein wenig orthodoxer weitermachen könnte. Denn Southampton steht zwar immer noch an dritter Stelle, und West Ham ist fünfter, aber die Big Four (mit Manchester City statt Liverpool) besetzen oben allmählich die Ränge.

Die Bedeutung dieses Treffers, den Alexis Sánchez in der 89. Minute nach Vorarbeit von Chambers und Ramsey erzielt hat, ist kaum zu überschätzen. Denn Arsenal tut sich sehr schwer in dieser Saison, und zwei hart erarbeitete "Onenils to the Arsenal" (letzte Woche bei Westbromwich Albion auch schon) sind genau das, was jetzt am meisten gebraucht wird: hinten keine Blamage, vorne zumindest das Notwendigste.

Was bei der Zwischenbilanz (13 Punkte Rückstand auf das ungeschlagene Chelsea) so richtig schlechte Laune macht, ist die Niederlage aus dem Heimspiel gegen Manchester United. Die war nämlich in einem Maß vermeidbar, das zum Himmel schrie. Arsenal war eine Halbzeit lang so überlegen, als hätte es nie einen Komplex gegen den Rekordmeister gegeben. United war, auch wegen Personalsorgen, nur auf die Vermeidung von Wirkungstreffern bedacht. Und so blieb eine Chance nach der anderen ungenutzt, bis dann nach einer Stunde ein natürlich groteskes Tor (Eigentor durch Gibbs nach Kollision mit dem eigenen Keeper, der seither auch noch verletzt ist) alles kippen ließ. Es war der vermutlich größte Duselsieg für Manchester United seit langer Zeit, aber es kam nicht ganz von ungefähr, dass er gegen Arsenal gelang.

Denn die Mannschaft von Arsène Wenger erinnert mich in diesem Jahr im Grundzügen ein wenig an den BVB. Der hat eine deutlichere Ergebniskrise. Aber es gibt doch Parallelen. Nach Jahren ungenügenden Pressings hat Arsenal auf den Jagdfußball umgestellt, der als Markenzeichen von Jürgen Klopp gilt. Der ungeheuer eifrige Alèxis Sanchez ist dafür die Schlüsselpersonalie, die Versetzung von Santi Cazorla ins zentrale Mittelfeld (wo er in seiner ersten Saison in England geglänzt hatte, damals allerdings ein bisschen offensiver von der Position her) gehört auch in diesen Zusammenhang.

Arsenal spielt ein kräftezehrendes Anlaufen, ist im Umschalten nach hinten und vor allem von den Flanken aber immer verwundbar. Dadurch kommt dieses Missverhältnis zwischen Engagement und Ertrag zustande, von dem wichtige Spiele gekennzeichnet waren. Vorne wird enormer Aufwand getrieben, hinten reichen ein, zwei Aussetzer, und schon fehlen wieder drei Punkte. Zum Beispiel gegen Swansea, wo Montero ein Schulbeispiel von Flügelspiel zeigte und den 19jährigen Calum Chambers so richtig in die Mangel nahm. Der Neuzugang (aus Southampton!) ist zum Glück einer, der offensichtlich in großen Schritten dazulernt.

Wenn demnächst Debuchy wieder spielen kann, dann hat Wenger in Chambers ein vielfältig einsetzbares Supertalent zur Verfügung. Chambers und Sánchez waren brillante Verpflichtungen, beide liebe ich heiß, beide stehen auch für ein leidenschaftliches Spiel. Doch genau das ist der Aspekt, der mich heuer bisher skeptisch bleiben lässt: Im Vergleich mit der maschinenhaften Effizienz, mit der Chelsea sich durch die Liga fräst, ist Arsenal fast schon zu große Show. Auch darin gibt es Parallelen zum BVB, dem es allerdings auch sichtlich an Qualität mangelt.

Zur Causa Podolski muss nicht viel gesagt werden. Er spielt zu Recht nur eine geringe Rolle, ihm fehlt abgesehen von seiner extremen Torgefahr bei Großchancen fast alles für einen Stammspieler, am meisten natürlich defensive Intelligenz. Mesut Özil wird noch eine Weile verletzt sein, er fehlt eigentlich kaum, solange das eine Tor irgendwie gelingt, das gegen Westbrom und Southampton zum Glück noch fiel.

Der Druck ist in der Premier League, wo es fünf eindeutige Aspiranten auf die Champion's League und mindestens immer drei bis vier starke Konkurrenten gibt, ungeheuer viel höher als in der Bundesliga, wo außer Bayern, Dortmund und Schalke de facto alle auch gut mit der Europa League leben können. Arsenal hat jetzt zweimal gewonnen und damit die Grundlage gelegt, wieder um die Top Four mitspielen zu können. Im Grunde darf aber jetzt vor Weihnachten nichts mehr passieren, damit dann die schweren Wochen um die Feiertage überhaupt noch mit einer gewissen Ambition angegangen werden können.



Eingestellt von marxelinho am 4. Dezember 2014.
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