15. Mai 2015

Matchbälle

Das Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt kann man wohl jetzt schon in die Liste jener wichtigen Hertha-Begegnungen geben, in denen die Mannschaft zum Erfolg verpflichtet ist - weil andernfalls gravierende Rückschläge drohen. Unvergesslich das lähmende, torlose Remis gegen Hannover, mit dem 2005 die mögliche Teilnahme an der CL verpasst wurde. Nicht zu vergessen auch das schockierende 0:4 beim KSC am Ende der besten Saison, die Lucien Favre in Berlin hatte. In beiden Fällen ging es damals um den Anschluss von Hertha an den internationalen Spitzenfußball, im Grunde war die Blamage in Karlsruhe (damals noch mit Gojko Kacar und Pal Dardai!) der Wendepunkt par excellence, mit Nachwirkungen bis heute.

Seither hat Hertha solche Schicksalsspiele am anderen Ende der Tabelle. Wobei der Druck vor dem Spiel gegen Frankfurt durchaus noch auszuhalten sein müsste. Unter Umständen kann Hertha sogar in der Liga bleiben, wenn beide noch ausstehenden "Matchbälle" unverwertet blieben. Was das allerdings für die kommende Saison hieße, kann man sich denken. Deswegen ist die Begegnung auch so überdeterminiert.

Erstens geht es um die Punkte. Drei wären großartig, damit würde Hertha vor eigenem Publikum (man erwartet eine große Kulisse) die Sache klären, und zwar aktiv - aus eigener Kraft und mit dem Statement, nächstes Jahr mit den Mannschaften aus dem Mittelfeld, zu denen die Eintracht zählt, mithalten zu wollen.

Zweitens geht es um die Trainerfrage. Pal Dardai hat sich positiv auf die Leistungen der Mannschaft ausgewirkt, allerdings wäre sein Kredit für eine längere Beschäftigung doch schwer reduziert, wenn er aus den noch ausstehenden zwei Spielen nichts holen könnte. Im Grunde spielt die Mannschaft jetzt zweimal um Kontinuität.

Drittens geht es um die Mannschaft der neuen Saison. Für die erste Liga steht eine akzeptable Grundformation in Ansätzen bereit: Langkamp, Brooks, Pekarik, Plattenhardt, Schulz, Haraguchi, Stocker, Skjelbred würde ich da nennen, Cigerci und Schieber auch noch. Bei Kraft und Lustenberger sind kleine Einschränkungen angebracht: beim Kapitän, zuletzt häufig mit starken Leistungen, wegen seiner Physis, beim Keeper waren zuletzt wieder deutlich seine Schwächen im Spiel mit dem Ball erkennbar. Änis Ben-Hatira, so sehr ich ihn mag, bleibt ein unberechenbarer Spezialfall.

Bleibt der Spieler, um den sich auch morgen wieder viel drehen wird: Salomon Kalou. Eine Tendenz ist klar erkennbar: Das Engagement, das mit großen Hoffnungen auf diverse Synergien einher ging, ist beinahe schon als gescheitert zu betrachten. Allerdings wären die beiden ausstehenden Spiele gute Gelegenheiten, einen Fingerzeig für das Vorgehen im Sommer zu geben: Soll man versuchen, ihn wieder loszuwerden? Wie gesagt, er spielt für meine Begriffe schon wie bei einer Ausgedinge-Mannschaft, er hat aber keinen Rentenvertrag, sondern wurde als Leistungsträger geholt.

Zweifellos liegt es nicht nur an ihm, dass er so wenig (und so unglücklich) am Spiel teilnimmt. Aber sein ganzer Gestus ist unverkennbar: er sucht nach den besonderen Lösungen, verzichtet aber weitgehend auf die Arbeit. Dafür ist er leider in der falschen Mannschaft, diese Aufgabenstellung ist eben typisch für weniger wettbewerbsintensive Ligen.

Trotzdem würde ich ihm den Vorzug gegenüber dem gegen den BVB bemühten, aber eben doch stark limitierten Sandro Wagner geben. Im Übrigen dürfte am Samstag die aktuelle erste Elf auflaufen (abzüglich Schieber, Cigerci und Baumjohann). Spielerisch ist Hertha keineswegs so limitiert, wie es gegen Dortmund den Anschein hatte. Vertikale Läufe von Brooks oder Skjelbred, dynamisches Spiel von Schulz und Haraguchi, dazu die feine Intuition von Valentin Stocker: ich bin optimistisch.


Eingestellt von marxelinho am 15. Mai 2015.
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