04. Oktober 2004

Medium Cool

Der Wiener (yo, brother!) hat in einem Kommentar auf einen Artikel von Wolfram Eilenberger hingewiesen, der am Wochenende im Tagesspiegel erschienen ist. Es ging darin um den Gigantenkampf zwischen Arsenal und Chelsea, der die Premier League heuer bestimmt - zur Erinnerung: für diese Seite ist Arsenal das Maß der Dinge (siehe Declaration of Principles). Eilenberger bemüht in seiner Analyse eine berühmte Unterscheidung des Strukturalisten Claude Levi-Strauss, zwischen "heißen" und "kalten" Kulturen. In den einen tut sich viel, in den anderen tut sich wenig - dabei ist nicht ausgemacht, welche Kultur besser überlebt.

Marshall McLuhan hat diese Unterscheidung einmal auf die Medien angewandt, das Kino ist für ihn "heiß", das Fernsehen dagegen "kühl", weil man sich als Zuschauer eine Menge dazudenken muß, damit man auf ein Bild kommt. Eilenberger sieht in Chelsea eine klassische "kalte" Mannschaft, Arsenal dagegen ist "heiß", weil von jedem einzelnen Spieler die Intensität ausgehen kann, die sich in das ganze Line-Up fortsetzt. Arsenal besteht als einer ganzen Reihe von Energieträgern (Reyes!), paradoxerweise muß die Kunst eines Trainers wie Arsene Wenger jedoch darin bestehen, diese Kraft "kühl" zu halten, sie immer nur dann ausbrechen zu lassen, wenn es angebracht ist - Freddie Ljungberg hat vor wenigen Tagen in dem einzigen League-Match, das Arsenal heuer nicht gewonnen hat, beim 2:2 gegen die Bolton Wanderers gezeigt, was ich meine: Einen langen Querpaß hat er auf eine Weise mitgenommen, daß der Ball schon zehn Meter in der gegnerischen Hälfte war, und Ljungberg hinterher, bevor der gegnerische Defensivmann überhaupt begriff, daß man daraus einen Angriff entwickeln kann.

Arsenal war nämlich noch nicht aufgerückt, es reichte dann auch, daß Pires vorne war, um hineinzuschieben. Ich weiß noch nicht, ob das 4:0 gegen Charlton am Wochenende heiß war oder kühl, ich weiß aber, daß große Mannschaften erst dann entstehen, wenn sie zwischen diesen beiden Aggregatuständen zu existieren vermögen, je nach Bedarf sich in einen versetzen können. Arsenal ist sicher heiß konzipiert.

Und die Hertha: Sie trägt beide Ansätze in sich wie eine Möglichkeit, an deren innerer Konsolidierung gerade gearbeitet wird, während der Umschlag noch ein bißchen dem Zufall überlassen wird - sie spielt schon die ganze Saison ganz passabel "kühl", und sie hat sich von der heißen ersten Halbzeit gegen Bochum noch nicht ganz erholt. Sie weiß aber, daß sie beide Optionen hat, und eine dritte noch dazu: Sie ist häufig lauwarm.


Eingestellt von marxelinho am 4. Oktober 2004.
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