11. Februar 2014

Messerwerfer

Mit einem 3:0 beim derzeit desolaten HSV hat Hertha die Rückrunde wieder in die Spur gebracht. Der Sieg war unangefochten, und hatte in Adrián Ramos einen strahlenden Helden, wenngleich wir inzwischen davon ausgehen müssen, dass der attraktive Kolumbianer sich auf Abschiedstournee befindet. Die anderen Figuren dieses Spiels sollen jedoch nicht unbesungen bleiben.

Erstens ist Tolga Cigerci wieder da, der sich erneut als perspektivischer Schlüsselspieler erwies. Seine feine Kombinatorik im Zentrum hat zuletzt ein wenig gefehlt, er ist das Relais, über das Hertha die Bälle viel besser nach vorne bringt, und dass er gern an der linken offensiven Eckfahne auftaucht, zeugt von einem beträchtlichen Aktionsradius, eine Qualität, die sich ja nicht immer problemslos mit mannschaftlicher Kompaktheit verträgt. Bei ihm aber schon, obwohl er dieses Mal nicht laufstärkster Herthaner war, was aber wohl auch mit der eher entspannten zweiten Halbzeit zu tun hatte.

Die noch interessantere Personale betraf den Mann, der gegen Nürnberg eine sogenannte Höchststrafe erhalten hatte: Auswechslung nach nicht einmal einer halben Stunde, zu groß war der Risikofaktor van den Bergh geworden nach einer schnellen gelben Karte und einem technischen Fehler, der ein Gegentor verursacht hatte. Der Coach reagierte pädagogisch-taktisch und brachte van den Bergh auf dem linken Flügel, vor Pekarik. Und nicht Schulz oder Ben-Hatira, der wieder zur Verfügung steht. Van den Bergh dankte den Vertrauensbeweis unter anderem mit einem großflächigen Doppelpass mit Ramos, der zum 3:0 führte. Während die Mannschaft zum nunmehrigen Führenden in der Torschützenliste eilte, sprang van den Bergh in die Arme des Trainers.

Wenn er nun seine Leistungen zusammenzählt, die offensiven Ansätze und seine zumeist ja sehr anständige, von guter Athletik geprägte Defensivarbeit, dann könnte van den Bergh irgendwann noch ein sehr interessanter Leftback werden, einer, der diese Position tatsächlich zwischen beiden Grundlinien interpretiert. Auch hier die alte Frage nach der Balance zwischen Abenteuer und Kompaktkeit, Überlaufen und Zurücklaufen, immer unter der Voraussetzung, dass Leute wie Hosogaj, Cigerci oder manchmal auch der herausrückende Langkamp, einer der sachlichsten Innenverteidiger, den man sich denken kann, die offen werdenden Räume präventiv zulaufen.

Als ich Langkamp wieder einmal ein Interview geben sah, fiel mir auf, dass es bei Hertha eigentlich nur vernünftige Haarschnitte gibt (nun, da auch Ben-Hatira relativ sachlich gestylt ist). Das ist zwar jetzt nicht zentral wichtig, scheint mir aber sehr gut das Gefüge zu charakterisieren. Es gibt hier den Typ Arnautovic nicht, also die genialischen Schwierigen, die jede Woche mit dem neuesten gewagten Irokesen aufwarten oder ein paar hundert Kilometer zu dem Messerwerfer ihrer Wahl fahren.

Stattdessen dominiert eher das Modell Boy Group, und zwar in jenem Sinn, den die Unterhaltungsindustrie vormacht: perfektes Casting auf ausgeklügelte Rollenverteilung hin. Cigerci erscheint mir auch in dieser Hinsicht den bezeichnenden Unterschied zu Kevin-Prince Boateng auszumachen, der natürlich mit Imam-Bart und Zeus-Haar das bessere "role model" darstellt (aus der Perspektive der People-Magazine). Doch am Samstag dachte ich mir zum ersten Mal, dass Cigerci unser neuer Prince werden könnte - den No-look-Pass kann er schon, gelegentlich noch einen etwas längeren Ball könnte er riskieren, und wenn er irgendwann auch noch zentral im Strafraum auftaucht (das hat er alles drauf), könnte er ein Großer werden. Wie alt ist er? 21! Na also.

Jetzt hat Hertha drei Spiele lang Zeit (Wolfsburg, Stuttgart, Freiburg), um sich auf die große Bewährung im März (Gladbach, Bayern, S04) vorzubereiten.


Eingestellt von marxelinho am 11. Februar 2014.
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