14. Dezember 2014

Milderungsggründe

Es ist seltsam, aber ein Fußballspiel scheint manchmal unter einer Art Horoskop zu stehen. Ich glaube nicht an die Sterne, jedenfalls nicht in dem Sinn, dass ich mir von jemandem irgendwelche Diagramme zeichnen lassen würde, um zu erfahren, was mir in der Zukunft bevorstehen könnte. Worauf ich hinauswill, ist eine Erfahrung, die sich vermutlich recht konkret begründen lässt, die aber doch etwas Geheimnisvolles hat.

Als John-Anthony Brooks sich gestern gegen den BVB relativ früh zu einem souveränen Tackle in die Waagrechte begab, beschlich mich und meinem Partner-in-HBSC so ein Gefühl: Das könnte doch etwas werden heute. Da war von dem großartigen Treffer durch Julian Schieber noch keine Rede, da war auch noch nicht absehbar, wie gewöhnlich die Mannschaft von Jürgen Klopp in diesem Herbst geworden ist. Da ging es nur darum, dass Hertha mit einer schlechten Hinrundenbilanz und als Außenseiter in ein ausverkauftes Heimspiel gegen einen Champion's League-Achtelfinalisten ging.

Und Hertha ging schließlich als 1:0-Sieger daraus hervor, und es war keineswegs ein Nägelbeißer wie noch vor einigen Wochen bei dem vergleichbaren Heimsieg gegen Wolfsburg. Ich hatte vielmehr die ganze Zeit ein gutes Gefühl, und als Ciro Immobile kurz vor Schluss noch einen Kopfball neben das Tor setzte, da war auch noch die Großchance absolviert, bei der man in so einem Spiel auch einmal ein bisschen Glück braucht. Der Rest war exzellente, gut dosierte Arbeit (das Spiel war keineswegs eine Kilometerfresserei, wie es der BVB sonst oft provoziert), und dieses Mal stimmte von der ersten Aufstellung bis zu den Auswechslungen alles.

Gegen einen BVB, der nominell sehr gut besetzt war (bis auf Reus, schmerzvoll vermisst, und Lewandowski, unwiederbringlich und noch schmerzvoller vermisst). Jos Luhukay hatte an zwei zentralen Positionen in das Gefüge von Hertha eingegriffen: Niemeyer statt Hosogai, und Ronny hinter Schieber, wodurch Skjelbred seinen Aktionsradius von ein bisschen weiter hinten heraus ziehen konnte.

Vor dem Tor machte sich die Konstellation bezahlt: Interception Niemeyer, Übernahme Skjelbred, Einzelleistung Schieber. Er hat in den Spielen, die er nun schon den Vorzug gegenüber Kalou erhält, zwei tolle Tore gemacht. Und er bestätigt den Eindruck von Saisonbeginn.

Das Gefüge beginnt bei Thomas Kraft, gestern fügte sich Brooks ein (der für meine Begriffe zum ersten Mal in die Elf der Runde gehört), Niemeyer war eine positive Überraschung, wie auch Ronny. Nico Schulz schreibt eine meiner Lieblingsgeschichten in dieser Hinrunde, und vorne gibt es einen Target Man. Das war klassisches Upsetting, was Hertha gespielt hat, und am Ende strahlte der Coach ganz zu Recht.

Auf das Spiel gegen Wolfsburg folgte in Augsburg eine indiskutable Leistung, und das soll uns eine Warnung sein. Denn wenn es etwas über Hertha BSC im zweiten Halbjahr 2014 zu beklagen gibt, dann ist es das komplette Fehlen von Kontinuität. Jedes Spiel erweckt den Eindruck, als wüsste die Mannschaft nicht, dass es Lernprozesse gibt. Dass man auf etwas aufbauen kann.

Ich habe das Gefühl, dass dieser Sieg gegen Dortmund nun aber doch Wirkung zeigen könnte. Die Mannschaft hat sich selbst etwas bewiesen, worauf sie sich nun zwei Spiele lang beziehen kann. Die englische Woche wird es mit sich bringen, dass der Coach rotieren wird. Wenn er es geschickt macht, dann bekommt er vielleicht zwei Effekte zugleich: eine positiven Integrationseffekt, und ein Gefühl, dass diese Mannschaft eine Struktur hat.

Das Wetter spielte am Samstag auch eine Rolle bei dem Gefühl, hier hätte der Fußballgott das Horoskop für Hertha auf Grün geschaltet. Die ganze Woche über war es nasskalt und fies gewesen, dann aber plötzlich relativ mild und klar. Hertha hat diese Klarheit genützt, und kann nun ein paar Milderungsgründe geltend machen nach einer Halbsaison mit vielen schwachen Auftritten. Der nächste Schritt wäre dann schon einer aus der Defensive heraus, in die man sich bringt, wenn man immer wieder von vorne anfängt.


Eingestellt von marxelinho am 14. Dezember 2014.
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