18. Oktober 2014

Museen in den Köpfen

Zur Vorbereitung auf das Spiel von Hertha in Gelsenkirchen habe ich ein neues Buch zum Thema gelesen: Wenn wir vom Fußball träumen. Eine Heimreise von Christoph Biermann. Ein Buch über den Fußball im Ruhrpott, und damit über den Fußball ganz allgemein.

Es kommt darin auch ein guter Witz über S04 vor, den ich natürlich weitererzählen muss:

In ihm geht es um einen ehrlichen Mann, der auf eine Fee trifft: "Du warst immer ehrlich, deshalb hast du jetzt einen Wunsch frei." Der Mann überlegt einen kurzen Moment und sagt: "Ich möchte unsterblich sein." - "Oh, der Wunsch ist zu groß, den kann ich nicht erfüllen." Der Mann überlegt etwas länger: "Also gut, ich möchte so lange leben, bis Schalke wieder deutscher Meister wird." - "Raffinierte Sau."

Als Hertha-Fan wird man diesen Witz mit einem gewissem Vorbehalt erzählen. Denn momentan ist der Club aus Gelsenkirchen zumindest ein bisschen näher dran an der Schale. Aber auch immer noch weit genug entfernt.

An Biermanns Buch gefällt mir (einem abgefallenen Katholiken) besonders gut eine gewisse religionskritische Grundhaltung. Wenn man Glaubenswahrheiten auseinander nimmt, dann kommen Widersprüche heraus. Mit diesen Widersprüchen leben wir alle, allerdings mehr oder weniger bewusst.

Biermann hat wie so viele eine Fankarriere: Sein Geburtsort Krefeld blieb darin ohne Eindruck, denn die erste Liebe galt dem Verein in Ort der Kindheit und Jugend, Westfalia Herne. Die eigentliche Anhängerschaft verbindet ihn aber mit dem VfL Bochum. Das ist bis heute der verbindliche Klub, auch wenn Biermann inzwischen in Berlin lebt.

Eines der besten Kapitel ist das, in dem er die Marketingabteilungen von S04 und Borussia Dortmund besucht. Hier werden die Identitäten, die Markenkerne gebastelt, die bei Schalke zu einem sagenhaft dämlichen Slogan geführt haben: "Wir leben dich". Biermann ist auch durchaus deutlich in seiner Beschreibung unterschiedlich gelungener Versuche, die lokalen Mythen mit den Anforderungen des kommerziellen (des "gentrifizierten", wie er ihn nennt) Fußballs zu vermitteln.

Und dabei geht er noch nicht einmal auf die Besonderheit ein, dass der Malocherklub heute von den Millionen der russischen Rohstoffautokratie lebt (hier ein sehr guter satirischer Beitrag dazu von einem geschätzten Feingeist). Der BVB kommt bei Biermann aus nahe liegenden Gründen besser weg. Aber Dortmund ist auch nur bedingt Teil der Ruhrpott-Mythologie, von der sich bei Biermann erweist, dass sie historisch relativ jungen Datums ist. Jedenfalls, was den Fußball anlangt.

Das Buch ist als eine Erzählung geschrieben, die durch den Tod von Biermanns Vater einen sehr persönlichen Rahmen bekommt. Der Untertitel "Heimreise" ist dabei mit der ganzen Ambivalenz zu verstehen, ohne die dieses Wort nicht verwendet werden kann. Heim reisen, das heißt in diesem Fall auch, sich wieder auf Tribünen einzufinden, auf denen zum Teil noch die selben Leute wie vor dreißig Jahren stehen, bei Vereinen wie Rot-Weiß Oberhausen oder beim MSV Duisburg.

Oder Hamborn 07. Der erste deutsche Klub, von dem einst ein Sieg live im Fernsehen gezeigt worden war. "Am 26. Dezember 1952 hatten die Hamborner in der zweiten DFB-Pokalrunde mit 4:3 beim FC St. Pauli gewonnen. Gut 4000 Schwarz-Weiß-Geräte waren damals eingeschaltet, das entsprach einer Einschaltquote von 80 Prozent, denn es gab nur 4500 Fernsehgeräte in Deutschland." Bei dem Datum merke ich aus einem ganz bestimmten Grund auf, denn es muss sich da um ein "Boxing Day Match" gehandelt haben, wie man in England sagt, wo Spiele am 26. Dezember Tradition haben.

Biermanns Heimreise hat mir etwas verdeutlicht, was mir aus persönlichen wie allgemeinen Gründen ohnehin klar war: dass man im Leben immer irgendwie im Exil ist, und dass die Beziehung zu einem Fußballverein (er gebraucht das Wort Liebe, und zu Recht) immer etwas Prinzipielles hat, das auf Zufällen beruht.

Wenn man das noch einmal auf die Marketingabteilung umlegt, kommt man auf den Begriff "Markenführung unter Kontrollverlust", der für mich die Quintessenz des Buches ausmacht. Denn der Kontrollverlust ist die (für ein gelingendes Leben unabdingbare) Erfahrung, die man als Fußballfan besonders intensiv trainiert. Zugleich sind aber die Markenkernforscher ebenso sehr davon betroffen.

Das "Wir leben dich" von S04 ist deswegen nicht einfach orwellisch arrogant, sondern vor allem weltfremd. Bezeichnenderweise wurde es von der Mitgliederversammlung beschlossen, die in diesem Moment wohl tatsächlich gelebt wurde. Irgendwann wird sie ihn wieder abschaffen.

Biermanns Buch führt durch zahlreiche "Museen in den Köpfen", und findet den Modernisierungsdruck, dem das Ruhrgebiet unterliegt, in der Geschichte der Fußballklubs sehr gut veranschaulicht. Je erfolgreicher die Vereine sind, desto stärker sind sie auch darauf angewiesen, sich selber zu musealisieren, sich eine Geschichte zu geben, sich begehbar zu machen wie die Stadien während der Woche oder die Erlebniswelten, zu denen Fanshops immer mehr werden.

Der ganze kommerzielle Aufwand, die aus der Wirtschaft übernommenen Strategien, dienen dabei aber doch wieder nur einem einzigen Zweck: dass ein- oder zweimal pro Woche vierzehn Leute ein gutes, ein begeisterndes Spiel auf den Rasen bringen können. Dort gelten zwar eigene Regeln, aber es ist auf Dauer unmöglich, sich den ökonomischen Bedingungen zu entziehen.

Christoph Biermann weiß das auch deswegen so gut, weil der VfL Bochum zuletzt wieder auf einen Markenkern zurückfiel, auf den eigentlich niemand mehr gesetzt hätte: Peter Neururer. In der Krise zerbröseln die Strategien, und Personen müssen einspringen. Manchmal, wie beim MSV Duisburg, sind es die Fans als Menge. Dann lebt der Traum wieder, dass Fußball ein Spiel aus der Tiefe des Volkes ist.

Christoph Biermann: Wenn wir vom Fußball träumen. Eine Heimreise, Kiepenheuer & Witsch 2014


Eingestellt von marxelinho am 18. Oktober 2014.
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