01. Oktober 2017

Nach hinten arbeiten und nach vorn spielen

Wenn der FC Bayern nach Berlin kommt, da wünscht man sich als Hertha-Fan immer zwei Dinge: erstens einen Punkt oder vielleicht sogar drei, zweitens aber vor allem, dass es ein Match wird! Und keine Bankrotterklärung, wie es sie ja in den letzten Jahren auch gelegentlich gab, meist allerdings auswärts, einmal sogar unter Pal Dardai.

Heute war es ein Match. Mit einigen Höhen und vielen Tiefen auf beiden Seiten. Das Remis mit 2:2 war am Ende sogar verdient, dazu bedurfte es aber in der ersten Hälfte einigen Glücks, dass Hertha da am Leben blieb. In der zweiten Hälfte war von einer europäischen Topmannschaft dann nicht mehr viel zu sehen (die zweite, künftige buchstabiert immer noch den Namen Östersund).

Der Coach hatte wider mein Erwarten Haraguchi aufgestellt. Ich hatte fix mit Esswein gerechnet, weil der ein Spieler ist, wie man ihn gegen Bayern braucht, mit einer gewissen Coolness. Haraguchi ist allerdings auch ein Spieler, wie man ihn gegen den FC Bayern braucht: ein unermüdlicher Defensivarbeiter. Dazu ist es natürlich sicher nicht verkehrt, in einen Match mit größerer globaler Reichweite einen japanischen Mitarbeiter auf dem Feld zu haben. Nicht, dass ich glauben würde, dass Pal Dardai bei der Aufstellung an den asiatischen Markt denkt. Obwohl, wenn es gut passt - warum nicht?

Der FC Bayern senior (mit der Flügelzange von anno 2013) stellte Hertha vor eine Menge Probleme. Die Mannschaft schien nervös, allein Darida hatte in den ersten zehn Minuten vier grobe Fehler, dann aber auch bald eine gute Gelegenheit. Dann gab es Elfmeter für Hertha, alle sprangen auf, ich dachte mir aber gleich: Mal sehen. Dass es dann so lange dauerte bis tatsächlich mal Sehen, offenbarte einmal mehr die hinlänglich diskutierten praktischen Probleme mit dem Videobeweis.

Bei den Fans auf den Rängen verliert er jedenfalls so an Plausibilität, wenn der Schiedsrichter so tut, als würde er die Entscheidung allein treffen, und dann das ganze Match zwei Minuten aufhält. Das ist eine schlechte Show. Vor allem, was wäre, wenn er sich nach Bildassistenz einmal falsch entscheiden würde? Undenkbar ist es nicht, und dann hätte man erst recht ein Dilemma, denn die Bilder haben ja auch die Fernsehanstalten.

Irgendwie kam Hertha dann doch ein bisschen ins Spiel, nach der Pause begann sie dann viel besser. Dann kam aber überraschend ein Tor, das ganz klassisch vom Geld erzielt wurde: Lewandowski ist einfach jeden Cent wert, de facto sind es sehr viele. Hertha schien auf der Verliererstraße, da kam aber der Moment von Genki Haraguchi. Vergleichbar einem Tor, mit dem sich ein gewisser Mitch Weiser einst für einen besseren Club als den FCB empfahl, ging Haraguchi auf rechts in eine Soloaktion, und bediente Duda.

Nur fünf Minuten später war der Rückstand egalisiert, nach einem Freistoß von Plattenhardt. Kalou hatte es schwer als Mittelstürmer, in diesem Moment aber war er, wie schon beinahe zuvor neben Duda, da, wo er gebraucht wurde. (Vielleicht borgt Lewandowski mir ja ein paar Cents für das Phrasenschwein.)

Danach war das Match mehr oder weniger durch, was nicht für den FC Bayern spricht, und auch nicht wirklich gegen Hertha. Esswein, auf den ich ausnahmsweise einmal gehofft hatte, bekam nur ein paar Minuten und verzichtete brav darauf, Kontermöglichkeiten für die Bayern herbeizuführen. (Wir erinnern uns an ein Spiel vor nicht allzu langer Zeit ...)

Es war heute kein heroischer Auftritt, dazu war das ganze Spiel nicht gut genug, aber es war doch erneut eine Andeutung, dass Hertha in diesem Jahr insgesamt konkurrenzfähiger ist. Wobei ja unter den ersten sieben Gegnern drei von den vier Hochkarätern der Liga waren (zu den Hoffenheim allerdings gerade selbst nicht mehr gehören will). Die Mühen der Ebene kommen jetzt. Mal sehen, wie es demnächst in Freiburg aussieht - das wird ein wegweisendes Spiel. Vorher kommt aber noch Tönniesblau.



Eingestellt von marxelinho am 1. Oktober 2017.
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