20. März 2016

Nicht zufrieden mit die sogenannte Nix

Was ist ein Foul? Die Antwort auf diese Frage führt tief hinein in die Ontologie des Fußballs. Denn es verbindet sich dabei das Regelwerk, das auf genauen Definitionen beruht, mit der Deutungsarbeit, die man heute als Zweikampfbewertung bezeichnet, und das alles auf Grundlage eines unmittelbaren Augenscheins, der nicht immer dem Sachverhalt entspricht.

Der FC Ingolstadt hat sich am Samstag durch eine Zweikampfbewertung von Schiedsrichter Ittrich so benachteiligt gefühlt, dass Kotrainer Henke anschließend zum Verschwörungstheoretiker wurde: "Wirst nur beschissen, weil die Hauptstadt Champions League spielen muss." Dem könnte man entgegen halten, dass Hertha in der "Wahren Tabelle", die sich die knifflige Aufgabe gestellt hat, die Ligawertung von der Entstellung durch Fehlentscheidungen zu bereinigen, ebenfalls auf Platz 3 steht, und zwar deutlich souveräner.

Bei aller berechtigen Emotion muss man Henke allerdings noch auf eine zweite Binsenweisheit des Fußballs aufmerksam machen: ein nicht gegebenes Foul in der 54. Minute, das zu einem Gegentreffer führt, ist das eine; keineswegs hätte ein Freistoß für Ingolstadt in dieser Situation allerdings bedeutet, dass Hertha das Spiel nicht trotzdem gewonnen hätte. Bei den Hochrechnungen werden im Fußball häufig Matchpläne mit Wahrscheinlichkeiten verwechselt.

Natürlich steigt bei einer Mannschaft wie Ingolstadt mit jeder torlosen Minute die Chance auf einen Upset oder zumindest auf einen ertrotzten Punkt. Aber es gibt dazu nicht den Umkehrschluss, dass dadurch die Chancen der anderen Mannschaft auf einen Sieg geringer werden. Sie steigen ebenfalls, ganz einfach deswegen, weil in einem Match, solange kein Tor fällt, eben mit jeder Minute die Fehleranfälligkeit wächst, und generell die Möglichkeit, dass etwas Unerwartetes passiert.

Es sei denn, zwei Mannschaften arrangieren sich irgendwie auf eine Punkteteilung. Das wäre aber keineswegs im Sinn von Hertha gewesen. Hertha wollte den Sieg, hat sich den Sieg verdient, muss allerdings akzeptieren, dass dem Führungstreffer ein Foul von Skjelbred voranging. Die Situation wäre nie entstanden, hätte Ittrich kurz davor ein Foul an Kalou gepfiffen, das ebenfalls Spielräume in der Bewertung ließ. Vor einer Woche gewann Ibisevic einen Zweikampf, der zu Recht nicht als Foul gewertet wurde - damit war dem Sieg gegen Schalke die Grundlage bereitet, aber das Spiel musste trotzdem noch gewonnen werden.

Hertha hat gegen Ingolstadt nicht wirklich gut gespielt, aber verdient drei Punkte geholt. Die Behauptung ist nicht allzu kühn, dass auch ohne den Führungstreffer durch Haraguchi bald etwas passiert wäre. Ingolstadt, ein unangenehmer Gegner und in dieser Rolle so etwas wie das neue Augsburg in der Liga, muss sich vor allem aus einem Grund benachteiligt fühlen: Sie werden das Spiel in Dortmund noch nicht vergessen haben, das ich nicht gesehen habe, das aber nach allem, was zu lesen stand, auf skandalöse Weise an den BVB ging. Im Vergleich dazu war das im Olympiastadion wirklich eine klare Sache.

Während Ralph Hasenhüttl in der Pressekonferenz danach andeutete, dass es sich für ihn um "ein typisches Nullzunull" handelte, war Hertha eben nicht "zufrieden mit die sogenannte Nix", wie Pal Dardai das so unnachahmlich bezeichnete. Es bedarf keiner Lenkung durch die Liga, um Hertha in die Champion's League zu bringen. Die Mannschaft hat es sich erarbeitet, um diese Position zu spielen, der Trainer ließ in der Pressekonferenz auch erkennen, dass dabei spezifische Lerneffekte erkennbar sind, um die nur die wissen können, die täglich das Training beobachten. Hertha setzt etwas um, bringt etwas auf den Rasen, womit wir wieder bei der Ontologie des Fußballs wären.

Der besteht ja aus nicht zuletzt aus Konzept und Realisierung, und gerade weil dieses Verhältnis so tückisch ist, ist die dämliche Rede vom "Abrufen" einer Leistung, die in Umlauf kam und die wir nicht mehr los zu werden scheinen, so unsinnig. Täusche ich mich, oder sagt das in Berlin niemand? Es wäre ein weiteres, gutes Zeichen, dass hier verstanden wird, wie Fußball gespielt und gearbeitet wird. Dass Hertha nicht nur mit Glanzlichtern auf Platz 3 gekommen ist, sondern auch mit Arbeitssiegen wie gegen Ingolstadt, stellt für die Liga als ganze ein Kompliment dar. Und zugleich eine Warnung: Mannschaften, denen es genügt, vor allem ein unangenehmer Gegner zu sein, müssen in der Minderheit bleiben. Ingolstadt hat jedes Recht auf seine Methoden, und muss dabei auch vom Schiedsrichter geschützt werden. Ein "typisches Nullzunull" sieht aber anders aus. Dafür ist Hertha inzwischen auch an schwächeren Tagen zu gut geworden.



Eingestellt von marxelinho am 20. März 2016.
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