16. April 2014

Once Were Warriors

An der Neigung vieler junger Menschen zur künstlerischen Gestaltung der eigenen Körperoberfläche merke ich, dass ich nicht in allen Dingen auf dem neuesten Stand bin. So entzieht sich mir auch, was einen jungen Fußballprofi wie John Anthony Brooks dazu bringt, sich stundenlang auf die Streckbank zu legen, um sein allem oberflächlichen Anschein nach ansehnliches Sportgerät, das er eigentlich als mens sana gedeihlich bewohnen und bewirtschaften sollte, mit Ornamenten zu versehen, die er allenfalls in einem Film von Mel Gibson wirklich sinnvoll zeigen kann. Vermutlich wird das auf eine Form von sozialem Druck zurückgehen.

Vielleicht wollte Brooks nicht hinter Kevin-Prince Boateng zurückstehen, dem Zausel von Gazprom, dessen historische Mission sich - neben der Beglückung italienischer "feline" - mit der Karriereintervention bei Michael Ballack vielleicht auch schon erfüllt hat. Auf Boateng könnte man immerhin noch etwas von alten Vorstellungen projizieren, dass Kriegsbemalung einen Mann furchterregender macht als sein Pass- oder Stellungsspiel.

Ist ja auch so schon ein ziemlicher Kontrast zu Sebastian Langkamp, den Brooks offensichtlich noch ein wenig vergrößern wollte. Ein Huntelaar wird aber sicher wegen Tätowierungen nicht nervös werden, und Mario Mandzukic wäre auch ohne seine Stechereien einer, dem ich nicht unbedingt im falschen Moment begegnen möchte. Und ist es ein Zufall, dass Robert Lewandowski, einer der smartesten Spieler in der Bundesliga, ohne auskommt (wobei ich das jetzt nicht bei einem Saunagang überprüft habe)?

Der Hertha-Jahrgang 2014 wollte mir neulich sogar schon einmal fast ein wenig zu brav, zu musterschülerhaft, zu angepasst vorkommen. Nun wird die Geschichte von den Tätowierungen von Brooks öffentlich, der deswegen nur eingeschränkt trainieren kann, der mit Spezialsalbe fit geschmiert werden muss, der wahrscheinlich auch schlecht schläft vor lauter Schmerzen - jedenfalls sah sein Spiel zuletzt danach aus.

Und dann überlege ich, wie sich das zueinander verhält: das Tattoo, das er jetzt ein Leben lang auf seinem Rücken tragen wird, wenn er es nicht irgendwann kompliziert wegmachen lässt, und die Karriere, die er vielleicht in diesem Frühjahr wegschmeißt, weil er nicht begreift oder weil es ihm niemand begreiflich machen kann, dass er sich in einer entscheidenden Phase befindet. In der es auf alles ankommt, nicht zuletzt auf das professionelle Verhalten zu seinem Körper. Das Tattoo wird ihn ein Leben lang daran erinnern, dass er vielleicht ein guter Fußballer hätte werden können.

Das ist allerdings leider ein Gedanke, wie ihn ohnmächtige Pädagogen haben, die oft dabei zusehen müssen, wie junge Leute Chancen wegschmeißen, und sich dann eine Art Zeitindex herbei wünschen, um ihnen das begreiflich zu machen. Eine Tätowierung ist so etwas: Im Geist ewiger Jugend bringt man sich einen Schnitt bei, von dem man später begreift, dass er dauert. Ich hoffe, dass der Schnitt in der Karriere bei Brooks noch nicht vollzogen ist. Irgendwann braucht ja auch das Ding auf dem Rücken keine Salbe mehr.





Eingestellt von marxelinho am 16. April 2014.
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