20. Dezember 2013

Patridiot

An Josip "Jo" Simunic habe ich viele Erinnerungen. Einmal habe ich
ihn in einem Flugzeug gesehen, das von Wien nach Berlin flog, und das
für seine Körpergröße fast schon eine zu niedrige Kabine hatte. Oft hat
Valdano ihn in einem Wett- und Sportcafe in Berlin gesehen, wo er
allerdings nichts Ehrenrühriges getan hat außer meistens etwas diesseits
von Avurveda-Küche essen. "Jo" war Identifikationsfigur einer Hertha,
die heute schon beinahe antik wirkt: Arne Friedrich, Dick van Burik,
Niko Kovac, Marko Pantelic - ich behaupte einmal, dass keiner von ihnen
unter Luhukay einen Stammplatz hätte.

Nun erreicht uns
eine Meldung, die auf ein trauriges Karriereende verweist: Jo Simunic
wurde wegen seines nationalistischen Jubels nach der erfolgreichen
WM-Qualifikation Kroatiens für zehn Spiele
gesperrt
(die Sperre bezieht sich, demütigendes Detail am Rande, auch auf den
privaten Besuch der entsprechenden Spiele, er darf also nicht einmal in
die Stadien). Die WM kann er damit vergessen, und das war es wohl auch
mit dem Nationalteam insgesamt für ihn. Größtmöglich blöde Pointe für
eine große Blödheit. Nach dem Spiel gegen Island hatte Simunic sich des
Mikrophons bemächtigt und mit den Fans einen Ruf ausgetauscht, der
seinen Ursprung im faschistischen Kroatien hat: "Für die Heimat -
bereit" verwendet niemand, der sich der ultranationalistischen
Implikationen nicht bewusst ist.

Nun aber noch ein
bisschen Küchenpsychologie. Jo Simunic ist ein sensibler Typ, wie man so
schön sagt; man musste ihn nicht persönlich kennen, um an der Weise
seines Spiels, an der Art, wie er sich selbst präsentierte, an seinen
Momenten, in denen er aus sich herausging, zu sehen, dass er nur dem
Anschein nach die Ruhe selbst war - dies kam in manchen super coolen
Manövern auf dem Platz zum Ausdruck, die dann auch gern einmal ein
bisschen arrogant wirkten. In einer Kultur so prononcierter
Männlichkeit, wie man sie der kroatischen Fußballnationalmannschaft
unterstellen darf, gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, sich dazu zu
verhalten. Eine ist Überkompensation, ein Muster, das mir bei Simunic
immer schon als das plausibelste erschien, und das auch in so
dramatischen Ausreißern wie seinem
Foul gegen Serbien zum Ausdruck kommt.

In
Deutschland ist der Fußball ein stark eingehegtes, familienfreundliches
Spektakel geworden. Wäre Simunic hier geblieben, hätte er also seiner
Karriere jene Qualität geben können, die ihm das Ausgedinge bei Dinamo
Zagreb erspart hätte, dann wäre es wohl auch zu dem letzten Eklat nicht
gekommen (dass er vielleicht wirklich ein unverbesserlicher Ustaschist
ist, will ich nicht glauben). Man könnte also mit einem gewissen Recht
sagen, dass die Sperre von 2013 mit einem Moment zusammenhängt, der auch
für Hertha absolut entscheidend war: dieses Saisonfinale 2009, das
Lucien Favre vergeigte. Es war nicht zuletzt die Saison des Jo Simunic,
und an den damals gezeigten positiven Eigenschaften auch im Umgang mit
dem Mikrophon und in der Kurve will ich ihn auch weiterhin messen.
Seinen nationalistischen Gruß entschuldigt das nicht, doch dafür hat er
ja ohnehin eine Sanktion von höchster Stelle bekommen.


Eingestellt von marxelinho am 20. Dezember 2013.
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