01. November 2015

Permanenter Interimismus


Hertha gegen Gladbach, das sollte eines Tages ein Ligaklassiker werden. So hatte ich mir das gewünscht gestern am Vormittag, als ich nach Wochen, in denen ich kaum in Berlin war, zurückkam in die wunderbar herbstliche Stadt. Ideales Fußballwetter, und die Vorfreude auf eine spannende Begegnung. Leider war das Spiel dann ganz und gar einseitig. Hertha hatte gegen Gladbach keine Chance. Die Gründe waren ziemlich deutlich: Das Pressing der selbstbewussten Gegner war zu stark, zudem gingen sie klug zwischen die Linien. Es war letztlich eine Demonstration.

Das Spiel wurde im "Maschinenraum" entschieden. Der Vergleich zwischen Xhaka/Dahoud und Skjelbred/Darida fällt ganz eindeutig aus. Während Dahoud anfangs immer den dritten Anläufer bei Ballbesitz Hertha machte, und auch sonst oft eine Verbindung zwischen defensivem und offensivem Mittelfeld herstellte, spielten Darida und Skjelbred zumeist auf einer Linie, und brachten sich offensiv kaum ein. So war Cigerci nahezu im Alleingang für die Einleitung von Offensivaktionen zuständig, er hatte leider einen schwachen Tag. Interessant, dass Gladbach weiterhin de facto ohne Stürmer spielt, denn Raffael ist ja auch eher ein Zehner. Hertha ging in Abwesenheit von Ibisevic ähnlich an die Sache heran, brachte aber nicht so viel zusammen.

Markant dann, dass bei den beiden entscheidenden Toren, also beim ersten und beim dritten, ein eingerückter Winger (Johnson bzw. Traoré) die insgesamt gar nicht so schlechte Kompaktheit von Hertha durcheinanderbrachte. Einen Pass wie den von Xhaka auf Johnson hätte Darida nie spielen können, weil die räumlichen Verhältnisse nicht danach waren. Gladbach spielte da facto fast wie der FC Bayern, also starken Dominanzfußball.

Freunde hatten in den sozialen Netzwerken schon die ganze Woche darüber gerätselt, ob die Mannschaft vielleicht müde ist. Dazu werden wir in den kommenden Wochen genauere Hinweise entdecken können, ich kann mir dazu nur eine Laienmeinung erlauben, die eher in die Richtung geht, dass Dardai/Kuchno bei der Belastung auf die alte Schule zu setzen scheinen, also ordentliche Schinderei im Sommer und dann mal schauen, wie lange die Fitness hält.

Jedenfalls kommen nun Wochen, in denen es sehr darauf ankommen wird, die Talente gut einzusetzen. Dabei darf die Doppelsechs kein Tabu sein. Skjelbred und Darida müssen entweder flexibler und auch ein wenig mutiger (gegen die kommenden beiden Gegner) spielen, oder aber es wäre angeraten, sich des Umstands zu besinnen, dass Cigerci in der Regel besser ist, wenn er von weiter hinten kommt. Darida scheint sakrosankt, weil "Königstransfer", er ist sicher sehr wertvoll, aber es fehlt eine gestalterische Note.

Nach dem dritten Tor hat Dardai die Partie de facto aufgegeben, anders kann man die Auswechslungen (warum Kalou?) und die konfuse Offensivformation nicht begreifen. Haraguchi als Zentralstürmer ist sowieso ein Unsinn, das kann man vielleicht gegen den FCB noch einmal versuchen, aber dann ist Ibisevic ja wieder da.

André Schubert, der nun sechs Ligaspiele en suite mit Gladbach gewonnen hat, gab nach dem Spiel das weise Statement von sich, dass es in seiner Berufsgruppe nur "Interimstrainer" gibt. Daran wurde Berlin auf jeden Fall nachhaltig erinnert. Die Freude über das bessere Spiel der Mannschaft in dieser Saison, aber auch über die guten Auftritte von Pal Dardai in fast jeder Öffentlichkeit, wurde ein wenig getrübt, aber Dardai kann das sicher gut einordnen. Er ist schließlich selbst eine Art Interimstrainer mit originellem Vertrag.

Hertha hat ein Ligaspiel gegen eine Spitzenmannschaft, die einen Lauf hat, verloren. Das kann passieren, wenngleich ein wenig mehr Widerstand angebracht gewesen wäre. Aber den hat Gladbach früh gebrochen, indem sie die Linien, die Hertha zog, einfach ignorierten. Gegen Hannover wird Hertha ein wenig aus sich herausgehen müssen, sonst gibt es vielleicht noch eine herbstliche Ernüchterung.


Eingestellt von marxelinho am 1. November 2015.
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