27. September 2013

Personalmanagement


Meine Auswärtsfahrt nach Kaiserslautern hatte wie so viele Dinge, die wir tun, eine Vorgeschichte, wenn auch nur eine winzige. Vor ein paar Jahren fuhr ich einmal von Saarbrücken nach Stuttgart, und sah dabei von dem Bahnhof von Kaiserslautern aus das Fritz-Walter-Stadion hoch über der Stadt. Der Eindruck blieb irgendwie in meinem Gedächtnis, als Wunsch, dort einmal auszusteigen und ein Spiel zu sehen. Am Mittwoch war ich dann endlich drinnen in dem berühmten Stadion auf dem Betzenberg (hier ist mein Film), auf der Tribüne gegenüber der roten Wand mit den Fans des FCK (der Rest war eher schütter besetzt, mit 25000 Zuschauern war das Match schwach besucht).

Meine spontane Reaktion auf die 1:3-Niederlage habe ich noch am Mittwoch niedergeschrieben, an einem Bildschirm am Bahnhof sitzend. Gestern habe ich mir das Spiel dann noch einmal in aller Ruhe angesehen, und sehe die Live-Eindrücke im wesentlichen bestätigt. Der Trainer hat selbst in der PK nachher eingeräumt, dass "das Zentrum" in der zweiten Halbzeit nicht stark genug war. Ich habe ein wenig übertrieben, wenn ich Sandro Wagner als Totalausfall bezeichnet habe, er hatte wohl drei Szenen, in denen er positiv involviert war, nicht zuletzt das Tor durch Niemeyer, bei dem sehr schön zu sehen war, welche Rolle ihm zugedacht war: Wagner sollte hinter Allagui eine Anspielstation bilden, den Ball entweder per Kopf (nach langem Zuspiel) oder mit dem Rücken zur gegnerischen Defensive nach außen weiterleiten.

?Dazu kam es in der zweiten Halbzeit kaum noch. Dass Cigerci kaum ins Spiel fand, war aber für die Balance der Mannschaft noch wichtiger, während Niemeyer einige gute Balleroberungen hatte, und auch beim Tor an der richtigen Stelle war.

Einige Berliner Medien nützen die Gelegenheit nun für den ersten richtigen Backlash gegen Jos Luhukay. Dagegen steht seine Behauptung, dass er "das Gefühl hatte, diese Mannschaft könnte es schaffen", eine Runde weiterzukommen. Dieses Gefühl hatte ich nach dem 1:2 auch, schließlich waren da noch mehr als zwanzig Minuten zu spielen, allerdings wunderte ich mich dann doch allmählich, dass in dieser Phase nicht nur kein Wechsel vorgenommen wurde; man sah auch nicht viel von Luhukay, die Coaching Zone war leer, er beriet sich anscheinend längere Zeit mit seinen Leuten.

Dass er mit einer B-Elf antrat, will ich nicht so interpretieren, dass er die Pokal-Begegnung als besseres "Testspiel" sah. Es war darin ein Aspekt seiner Gelassenheit zu erkennen, der manchmal blauäugig erscheinen muss. Dass er Fabian Holland spielen ließ, der beim zweiten Gegentreffer schlecht aussah, ist zum Beispiel auch deswegen eine nicht hundertprozentig plausible Entscheidung, weil van den Bergh gerade erst aus einer Verletzungspause zurückkam, also durchaus Spielpraxis gebrauchen kann. Dass er schon zum zweiten Mal in einem wichtigen Spiel Cigerci auf eine Schlüsselposition setzte, ist angesichts von dessen offensichtlich nicht vorhandener Integration auch als pädagogischer Akt nicht überzeugend. Dass er an Wagner so hartnäckig festhält, lässt sich vielleicht im speziellen Fall mit dem Motivations- und Provokationsfaktor erklären, doch fürchte ich, dass die Berliner Fans eines Tages ähnlich auf den unproduktiven Angreifer reagieren könnten, wie er es in Kaiserlautern (an früherer Wirkungsstätte, wie man gern süffisant sagt) vernehmen musste.

Unter der schlechten Abstimmung zwischen Allagui, Wagner und Cigerci litt vor allem der Aspekt des Spiels, mit dem Hertha zu Beginn der Saison überzeugt hatte, und der mich von "Kontakt zum modernen Fußball" sprechen ließ: ein interessantes, planvolles, leidenschaftliches, auch mutiges Balleroberungsspiel relativ weit in der gegnerischen Hälfte. Diese Spielanlage ist seit dem großartigen Auftakt gegen Frankfurt allmählich verloren gegangen, während Hertha sich bei eigenem Ballbesitz wieder oft recht widerstandslos (also bewegungsarm) zustellen lässt und sich hinten die Bälle zuschiebt. Das hat sicher mit Verletzungspech zu tun (Baumjohann, der sich etablieren wollte und musste, war zumindest phasenweise eifrig), aber auch mit Personalmanagement: Ronny scheint seinen neuen Status noch nicht angenommen zu haben, Allagui wirkt auch ein wenig patzig. Niemeyer hingegen scheint die Demütigung, die Luhukay ihm vor der Saison verpasst hat (nicht durch den Entzug des Kapitänsamts, sondern durch eine damit in Zusammenhang stehende Formulierung), nicht krumm zu nehmen. Er war einer der besseren Spieler in Kaiserslautern.

Der aktuelle Trainer von Hertha ist nicht unfehlbar, das wussten wir vorher. Er überzeugt nach wie vor durch die Art und Weise, wie er seine Handlungen vertritt. Er traut den Spielern viel zu, und zwar anscheinend fast allen im Kader. Das hat in manchen Fällen strategischen Sinn, wie bei Brooks. Das führt aber manchmal dazu, dass er nicht nur Einzelne, sondern die Mannschaft überfordert. Mit der Rotation in Kaiserslautern ging er, ich würde sagen, um zwei Positionen zu weit: Holland und Cigerci, der vielleicht besser statt Wagner auf der Zehn hätte spielen sollen, und Kobiashvili neben Niemeyer. Wir können gespannt sein auf die Lehren, die Luhukay für sich und das Team daraus zieht. Dass das erste Team sich von der Pokalniederlage weitgehend exkulpieren kann, wird dabei wenig helfen, fürchte ich.


Eingestellt von marxelinho am 27. September 2013.
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