22. Januar 2016

Phantasie kennt keine Grenzen

Während der Winterpause habe ich mir zwischendurch eine spezielle Tabelle angesehen: Die Einschaltquoten der Bundesligaclubs bei Sky in der Hinrunde. Die Leistungen von Hertha schlagen sich darin noch unwesentlich nieder, wie ja auch das Berliner Publikum beim Heimspiel gegen Mainz gezeigt hat, dass es winters gern einmal ein wenig abwartet. Hertha liegt mit durchschnittlich 370.000 Zuschauern vor der Kiste (der Begriff wird mit der Entfernung des tatsächlichen Fernsehens davon immer schöner) auf Rang 9 dieser Tabelle, beim abschließenden Sonntagsspiel gegen Mainz waren es immerhin 460.000. Der FCB führt wenig überraschend auch diese Wertung deutlich an, gefolgt vom BVB.

Mich interessiert das, weil 2016 ja die Fernsehrechte für die Liga neu ausgeschrieben werden, und weil sich das ganze Fußballdeutschland dabei einen großen Sprung erwartet: Die DFL will und soll unbedingt mehr Einnahmen generieren, damit man sich vom Schreckgespenst der schwerreichen Premier League nichts ins Bockshorn jagen lassen muss. Die Sky-Tabelle ist aber auch so etwas wie eine informelle Traditionsvereinswertung, es findet sich kaum ein anderer Index, in dem sich klarer niederschlüge, welche Strahlkraft einzelne Clubs haben. In dieser Hinsicht erscheint mir der Rang 9 für Hertha durchaus bezeichnend.

Zum ersten Punkt, zu den Fernsehrechten, mache ich hier einmal ein Zahlenspiel. Angenommen, man könnte die 370.000 Fans als Basiswert für eine Kalkulation nehmen, dann könnte die so ausschauen: Hertha erwirbt die Internet-Rechte für seine Spiele selbst, verlangt von den Fans einen Jahresbeitrag von, sagen wir (die Zahl bietet sich an) 34 Euro, dann wären das Einnahmen von 12,6 Millionen Euro. Niemand müsste dafür aus der Zentralvermarktung aussteigen, man müsste nur ein bisschen Phantasie bei der Vermarktung der digitalen Rechte haben.

Die Überlegung, die ich dabei im Hinterkopf habe, ist die folgende: Als Fans müssen wir den Wettbewerb um die Übertragungsrechte ja ausbaden. Denn was immer die Liga mehr einnehmen wird, wird als Kosten jedenfalls zu einem großen Teil auf uns umgewälzt. Zur Zeit haben wir gerade ein paar halbwegs ruhige Jahre hinter uns, wer es sich gönnen wollte, fand bei Sky eine umfassende Versorgung. Die ist nicht billig, aber im internationalen Vergleich immer noch halbwegs fair. Es ist allerdings durchaus denkbar, dass wir es bald wieder mit mehreren Anbietern und Rechtepaketen zu tun haben, und damit mit einer größeren Unübersichtlichkeit. Ich spreche immer von Fans, die an einer Vollversorgung interessiert sind, also bereit sind, dafür zu zahlen, dass sie alle Spiele ihrer Mannschaft oder überhaupt der Liga sehen können.

Die radikale Alternative dazu wäre, die Rechte vollkommen den Clubs zu übertragen, die sich danach einzeln vermarkten könnten und Deals mit allen möglichen Kanälen und Anbietern eingehen könnten. Sie könnten einzelne Spiele (zum Beispiel das Heimspiel gegen Bayern, an dem Hertha dann auch die Übertragungsrechte hätte), geradezu versteigern, u.a. auch an den FC Bayern, der dieses Spiel ja auch seinen Fans zeigen möchte. Bei diesem Modell käme auch eine Art Solidareffekt zustande, denn Bayern kommt ja einmal im Jahr auch nach Hoffenheim oder Wolfsburg oder Augsburg, um ein paar Vereine aus der unteren Hälfte der Quotentabelle zu nennen. Ein Spiel würde immer nur von einem Verein verkäuflich sein, der an diesem Tag das Heimrecht hat.

Zwischen der umfassenden Vermarkung von Liga 1 & 2 in einem Gesamtpaket wie derzeit (für die ich viel übrig habe) und der konsequenten Atomisierung der audiovisuellen Vermarktung liegen viele Möglichkeiten, wobei sich da zumindest noch für ein paar Jährchen die Unterscheidung zwischen "Fernsehen" und "Internet" als Differential anbietet. Man könnte zum Beispiel die Vermarktung der Weltrechte stärker den Clubs überantworten, wofür für meine Begriffe auch spricht, dass Fans heute weltweit Zugriff auf die Spiele suchen.

Ich bin auf jeden Fall gespannt, was da alles herauskommt. Bei der Premier League ist es ja so, dass für die kommende Saison unklar ist, wo sie in Deutschland gezeigt werden wird. Die Rechte liegen bei einer Gruppe, die noch keinen Sender hat. Sky hat hier das Nachsehen, was ich ihnen einerseits gönne, weil sie ihr Engagement in diesem Bereich über die Jahre sukzessive reduziert haben, andererseits ist alles andere als sicher, dass etwas Besseres nachkommt.

Bei Arsenal habe ich den Club-Kanal abonniert, der mir erlaubt, alle Spiele zumindest hinterher zu schauen. Bei Hertha gibt es einen solchen Kanal noch nicht, man arbeitet mit Youtube. Ich nehme an, dass hinter den Kulissen schon an einem Hertha-Kanal gearbeitet wird, das wäre jedenfalls eine plausible Investition.

Der Rang 9 in der Quoten-Tabelle sagt schließlich auch einiges über den Status von Hertha BSC im deutschen Fußball aus. Man könnte von einem "Ja, aber"-Traditionsverein sprechen, das "aber" hat vielerlei Aspekte, die komplizierte Geschichte der Stadt Berlin spielt eine Rolle (und ihre Imageprobleme, die sie in einem provinzialistisch strukturierten Land wie Deutschland immer noch hat), die schlechte Performance über viele Jahre, in denen andere Clubs (Mönchengladbach in den 70ern) ihren Nimbus erwarben, spielt auch eine Rolle.

Mir gefällt das, dass Hertha in mancherlei Hinsicht fast noch "jungfräulich" ist, wenn auch seit dem Wiederaufstieg 1997 eine Menge passiert ist, und nicht nur Katastrophales wie die beiden Abstiege. Aber letztlich steht Hertha gerade wieder einmal ziemlich auf Anfang, wobei die erste Halbsaison seit diesem Neustart ja wunderbar gelungen ist. Ich sage es mal so: Es könnte einem regelrecht heiß werden angesichts der Phantasie, zu der Hertha absolut berechtigt, aber auch schummrig angesichts des Umstands, dass alles das ab morgen schon wieder konkret und gegen biestige Gegner wie Augsburg auf den Platz gebracht werden muss.

Ich formuliere auf jeden Fall schon mal ein weiteres Saisonziel ( das eine war ja, nur zur Erinnerung: nach Spiel 34 vor Ausgburg liegen, eine Definition, die mir eine schöne Balance darzustellen schien zwischen dem Minimalziel Nichtabstieg und dem Fernziel, an die europäischen Ränge Anschluss zu finden): In der Quotentabelle zu Stuttgart und dem HSV aufzuschließen. Es wäre auch ein wichtiger Schritt in Richtung Traditionsverein.


Eingestellt von marxelinho am 22. Januar 2016.
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