10. September 2016

Phasenweise gibt es schon Luft nach unten

Zum Auswärtsspiel von Hertha bei den "Schanzern" in Ingolstadt habe ich mich aus Toronto zugeschaltet, wo ich gerade wegen des Filmfestivals bin. Ich habe einen mustergültigen Arbeitssieg gesehen: 2:0 mit einem frühen und einem späten Tor. Das bedeutet sechs Punkte nach zwei Spielen, in Worte übersetzt: einen gelungenen Saisonstart.

Ingolstadt scheint Hertha irgendwie zu liegen, und man konnte sehen, warum: Auch der neue Trainer Kauczinski lässt einen halbwegs ambitionierten Fußball spielen, für den Ingolstadt aber nicht wirklich die spielerische Qualität hat. Hertha darf sich in diesen Spielen ausnahmsweise so zeigen, wie es im Fußball selten gestattet wird: cool, effizient und letztlich niemals ohne Kontrolle.

Im Detail war es eine beeindruckende kämpferische Leistung, vor allem auch von dem Duo im zentralen Mittelfeld: Stark ersetzte Skjelbred, und es war ein Unterschied zu bemerken. Lustenberger deutete mit einem frühen, dynamischen Vorstoß an, was möglich war, und bereitete dann mit einem Schlenker den Führungstreffer vor: der Ball kam zentral und unerwartet zu Haraguchi, der dadurch in die Lage versetzt wurde, einen lupenreinen Lochpass zu spielen.

Wie Ibisevic den dann allerdings mitnimmt, seitlich geht, damit er in einen guten Winkel gegenüber dem Keeper kommt, das zeigt den Vollblutstürmer, der er zweifellos ist - in diesem Fall für eineinhalb Halbzeiten, dann war er platt, und wurde durch Schieber ersetzt, der eine schöne Flanke von Haraguchi per Kopf zur Entscheidung verarbeitete.

Hertha ließ zwar viele Freistöße zu, aber die für ihre erfolgreichen Standardsituationen bekannten Schanzer konnten damit nicht viel anfangen. Ansonsten war der Sieg wirklich fast vollständig ungefährdet.

Wie ist das alles einzuordnen? Meine skeptische Grundeinstellung, die ich vor Beginn der Saison formuliert habe, wurde inzwischen schon in Teilen widerlegt. Hertha spielt durchaus ein Pressing, allerdings sehr situationsbezogen, man konnte aber erkennen, dass in bestimmten Momenten im letzten Drittel der Gegner durchaus unter Druck gesetzt wird.

Es ist eher die erste Hälfte des zweiten Drittels (ich erinnere mich an den legendären Römer Gaius Faulus: Erst fege ich mal die erste Hälfte der ersten Platte, dann verschnauf' ich ein Weilchen, dann fege ich die zweite Hälfte der ersten Platte, ...), also der Bereich vor der Mittellinie, in dem Hertha nicht wirklich anläuft. Dahinter war gegen Ingolstadt ausreichend Kompaktheit.

Die Mannschaft hat nun zwei Gegner, die sich als äußerst schlagbar zeigten, geschlagen. Freiburg mit Dusel, Ingolstadt aber überzeugend. Beide Siege waren in dieser Form absolut notwendig, wenn man frühzeitig auf Distanz zum Abstiegskampf gehen will. Dabei soll die Leistung keineswegs gering geschätzt werden, denn der Sieg von Freiburg über Gladbach, neulich noch Sieger über die Titelaspiranten von Bayer 04, hat heute auch schon gezeigt, wie eng die Liga auch heuer wieder sein wird.

Die Orientierungsphase macht aber auf jeden Fall Freude. Außer vielleicht Haraguchi und Darida muss man niemand hervorheben. Hertha gefällt als Kollektiv. Und das in einer nach wie vor eher auf Solidität gegründeten Gesamtkonzeption. Gegen Gelsenkirchen am kommenden Sonntag könnte das mit dem verdienten Selbstbewusstsein ein spannendes Spiel werden. Fast schon ein Topspiel.


Eingestellt von marxelinho am 10. September 2016.
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