12. Juni 2014

Planetenspektakel

Heute geht es also los. Der Eröffnung der Fußball-WM ging noch ein ein bisschen Funktionärsgeplänkel voraus. Joseph Blatter, Präsident der nicht zuletzt seinetwegen profund verachtenswerten FIFA, hat von einem interplanetarischen Turnier geträumt, und damit implizit von einer Amtszeit, die so lange dauern würde, wie es zum Bau einer Rakete braucht, mit der Blatter dann nach Alpha Centauri gern schon einmal vorausfliegen darf. Er kann dort den Grundstein für ein Stadion legen, das er notfalls zu seinem Mausoleum umwidmen könnte. Auf die Schlange, die sich davor nicht bilden wird, freue ich mich schon.

Die FIFA ist aber nicht der Hauptgrund dafür, dass die WM unter Vorbehalt Spaß macht. Bei einem Ereignis, das nur alle vier Jahre stattfindet, kann man sehr schön ablesen, was sich im größeren Bogen der eigenen Lebenszeit verändert hat. Und da machen uns die bevorstehenden Turniere eben sehr deutlich, dass das große Versprechen von 1989 nicht eingelöst wurde. Der amerikanische Theoretiker Francis Fukuyama meinte ja damals, dass die Demokratie nun auf Jahrzehnte unschlagbar sein würde.

Stattdessen haben wir eine Welt bekommen, in der Autokraten und Kapitalisten, Oligarchen und Scheichs alles untereinander aufteilen, und der Fußball ist das Spiel zu diesem räuberischen System. Für mich war 1974 die erste WM, die ich bewusst erlebt habe, mit einer kindlichen Bewunderung für die Mähne von Wolfgang Overath und einem staunenden Versuch, Namen wie Neeskens und Suurbier (Sauerbier?) nachzusprechen. 1978 hatte ich schon meine erste kritische Phase, ich erinnere mich an die Begeisterung über den Sieg von Algerien über Deutschland, und die Verachtung für den Nichtangriffspakt von Gijon zwischen Deutschland und "meinem Land" Österreich.

Das war natürlich naiv, den Fußball einfach zur Projektionsfläche jugendlicher Weltverbesserung zu machen. Und inzwischen kann ich das auch besser trennen. Deswegen werde ich 2014 nur eine sentimentale Hoffnung auf Ghana hegen, auch wenn diese afrikanische Nationalmannschaft am besten die (vielfach enttäuschten) postkolonialen Hoffnungen mit heutiger diversifizierter Nationalstaatlichkeit verbindet, nicht zuletzt durch einen bösen Buben aus dem Wedding.

Für das Turnier in Brasilien, bei dem ich mir nach Möglichkeit wieder alle Spiele ansehen werde, sehe ich wie die meisten Brasilien als Favorit. Eigentlich glaube ich aber, dass mit Spanien noch einmal zu rechnen sein wird. Meine europäischen sentimentalen Favoriten seit jeher, die Engländer, haben interessante Spieler, aber einen faden Coach. Frankreich liebe ich spätestens seit 1982, wegen Marius Trésor, wegen Amoros und Ayache. 2014 sehe ich sie als sehr interessante "dunkle Pferde".

Ein Wort zu Deutschland. Ich zähle zu denjenigen, die es für richtig gehalten hätten, wenn Pierre-Michel Lasogga nominiert worden wäre. Nicht, weil er (noch) bei Hertha BSC unter Vertrag steht. Sondern weil er der derzeit beste deutsche Mittelstürmer ist, wenn man von Miro Klose einmal absieht, der vermutlich für die Aufgabe ohnehin noch einmal fit genug ist. Löw und sein Team haben Lasogga nicht in die Auswahl berufen, weil sie ihn vermutlich für einen zu eindimensionalen Stürmer halten. Er passt aber auch einfach nicht so richtig zu dieser Atmosphäre jugendlicher Abgeklärtheit, zu diesem dezidierten Professionalismus, den die deutschen Nationalspieler anscheinend mit vielen Trainingseinheiten vermittelt bekommen. Oder lernen sie das bei den Sponsorenterminen? Eine Angriffsreihe mit Podolski, Lasogga und Müller, zu der es sicher nur in Ausnahmemomenten gekommen wäre, stelle ich mir jedenfalls großartig vor: Leidenschaft pur. Und ziemlich unlöwisch.

Die unterschiedliche Bewertung dieser Personalie bringt mich zu einem abschließenden, prinzipiellen Punkt. Meine kleine Chronik hier wird ja mit freiem Auge geschrieben. Ich stehe für eine Beobachtung, die nicht auf die Datenmengen des überwachten Fußballs zurückgreift. Ich sehe die WM im Fernsehen, während des Jahres sehe ich so viele Spiele wie möglich live. Dabei setzt sich ein anderes Bild zusammen, eines, bei dem ich Detailbeobachtungen zusammenfüge, zu einer sich ständig verändernden Gesamtaufnahme des Fußballs aus der Perspektive eines Fans.

Längst sind die Vereine dazu übergegangen, die Fans mit Statistiken zu füttern. Ich lese das auch alles mit Interesse, aber mir liegt daran, dass man sich zu dem Spiel auch dann sinnvoll äußern kann, wenn man Passquoten und Zweikampfwerte anders als numerisch erfasst. Nämlich mit genauem Hinschauen, auch wenn das die Fernsehauflösung natürlich erschwert. Aber so sind nun einmal die Bedingungen, unter denen die meisten von uns Fußball sehen. Ein Spiel für den ganzen Planeten. Ein Spiel, dem wir eine gute Regierung geben sollten. Es hat lange genug den schlechten Regierungen gedient.


Eingestellt von marxelinho am 12. Juni 2014.
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