20. April 2014

Platzverhältnisse

Hertha und Augsburg, das nimmt sich in dieser Saison nichts. Zweimal torloses Remis, zweimal war Berlin besser, zweimal reichte es nicht zu einem Erfolgserlebnis. Wir müssen die Geschichten des Spiels also zwischen den Ziffern der Statistik suchen.

Die erste ist eine Leidensgeschichte. Fabian Lustenberger, der Kapitän, erlitt beim Aufwärmen eine Muskelverletzung, offensichtlich genau an der Stelle, an der er schon seit längerer Zeit Probleme hat. Die drei verbleibenden Spiele kann er abschreiben, dazu kommt die Unsicherheit wegen der WM-Teilnahme. Der Führungsspieler hat eine fragile Physis, auch auf die kommende Saison strahlt die Verletzung aus: Es wird für Lustenberger einen starken Deputy brauchen, sowohl in der Innenverteidigung als auch im Mittelfeld, und auch auf der Position des Kapitäns, die in seiner Abwesenheit von Petr Pekarik bekleidet wird, einem der verlässlichsten Profis in dieser Mannschaft. Ausstrahlung allerdings hat er, jedenfalls nach außen, kaum.

John Anthony Brooks musste für Lustenberger spielen, er löste die Aufgabe überraschend gut, jedenfalls vor dem Hintergrund seiner konfusen Auftritt in den letzten Woche. Augsburg war nun offensiv auch nicht übermächtig, doch Brooks tat das Notwendige, einmal ging er sogar nach vorne und brachte einen Verlagerungspass an den Mann auf dem rechten Flügel. Für ihn war das Spiel ein Schritt in die richtige Richtung. Und das bedeutet ja auch: Für Hertha, denn nicht nur braucht die Mannschaft einen guten Innenverteidiger. Brooks hätte auch alle Eigenschaften einer Identifikationsfigur. Er könnte ein Star werden.

Links von ihm spielte eines der Sorgenkinder dieser Rückrunde. Und Johannes van den Bergh musste noch dazu "gegen" seinen nach Meinung mancher Medien designierten Nachfolger antreten: Matthias Ostrzolek, Linksverteidiger beim FC Augsburg. Es gab neuerlich eine heikle Situation, in der van den Bergh ein Laufduell verlor, insgesamt aber ging die Runde für meine Begriffe eindeutig an ihn. Er arbeitete sich ins Spiel, und war mit einer Flanke (nach Vorarbeit des engagierten Sandro Wagner) an der besten Hertha-Chance beteiligt. Wenn Ndjeng da auch nur eine Spur intensiver in den Ball geht, ein bisschen weniger lässig, führt Hertha dann 1:0.

Insgesamt muss man sagen, dass die Qualität des Spiels dem Tabellenstand vor allem des FCA nicht angemessen war. Es bestätigt sich ein Trend, dass die Qualität der Liga vor allem darin besteht, dass es keine naiven Teams mehr gibt. Offensiv aber haben viele Mannschaften deutliche Grenzen. Hertha deutete zumindest an, was im Herbst an Umschaltspiel noch funktioniert hatte. Cigerci arbeitet sich wieder in seine integrative Rolle hinein, er war einmal mehr laufstärkster Spieler, und wäre er ein wenig geduldiger gewesen, hätte vielleicht einer seiner Weitschüsse funktionieren können. Meistens zog er deutlich zu früh ab.

Wir müssen davon ausgehen, dass der Coach nicht mehr als das Remis wollte. Anders kann man es nicht deuten, dass er Baumjohann bis in die Nachspielzeit auf der Bank ließ, und Niemeyer für Ndjeng brachte. Im ersten kurzen Interview nach dem Spiel verwies der Coach auf eine Ziffer, die tatsächlich erwähnenswert ist: Mit -4 hat Hertha eine stabile Tordifferenz, die trotz des schlechten Tabellenplatzes in der Rückrunde nicht auf einen Abstiegskandidaten verweist. Zieht man die unnötigste Niederlage, das 0:3 gegen Hannover ab, und rechnet man den Treffer von Langkamp gegen Schalke dazu, wäre das Torverhältnis sogar ausgeglichen. Werder Bremen, mit zwei Punkten weniger als Hertha auf Platz 11, hat -22.

Der Mangel an offensiver Effektivität ist gleichwohl eklatant. Sie beginnt weit hinten, mit sinnlosen langen Bällen ins Nichts aus der Verteidigung, mit peinlichen, unbedrängten Fehlpässen von Langkamp in der Spieleröffnung, mit mangelnder Bewegung der gesamten Mannschaft bei Ballbesitz. Wieviel davon Faulheit ist und wieviel missverstandene Vorsicht, muss offen bleiben. Hertha läuft kaum einmal ins offene Messer, läuft aber auch keinen Gegner schwindlig.

Der FC Augsburg hatte schließlich noch einen Spielverderber ohne Rückennummer aufzubieten: einen offensichtlich nicht bundesligareifen Rasen. Wenn Cigerci in bester Position an der Grundlinie zur Flanke ansetzt, dabei das Standbein aber auf einen losen Grasziegel tritt, dann wird aus Torgefahr Verletzungsgefahr. In einer Woche spiel Hertha in Berlin gegen Braunschweig. Nach der Rutschpartie von Augsburg müsste doch allein der Rasen schon die Spielfreude heben.


Eingestellt von marxelinho am 20. April 2014.
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