16. Februar 2015

Pustekuchen

Eigentlich war am Sonntag beim 0:2 gegen Freiburg alles ganz einfach: die bessere Mannschaft hat gewonnen. Das betraf viele Faktoren, entscheidend aber war für meine Begriffe die sogenannte Raumaufteilung. Freiburg hat ein einfaches, wirkungsvolles Pressing gespielt, der Spielaufbau von Hertha war weitgehend lahmgelegt. Das zentrale taktische Manöver von Pál Dárdai, Ronny nach hinten zu ziehen und neben Skjelbred stärker in die Spieleröffnung einzubeziehen, ging nicht auf.

Schon aus der zentralen Defensive heraus, wo Hegeler es mit der Verlangsamung der allmählichen Entwicklung einer Idee zu einem Pass immer ein wenig zu weit trieb, kam überhaupt nichts. Die wenigen vertikalen Manöver weiter vorn waren alle zu waghalsig, beruhten meist auf blindem Durchstecken und ähnlichen Feinheiten, die, wenn sie gelingen, herrlich anzusehen sind, allerdings viel öfter ins Leere laufen.

Hertha geriet durch einen Gegentreffer in Rückstand, den man als typisch für die Mannschaft ansehen muss. Ein schneller Einwurf von Freiburg, und schon sind Brooks und Plattenhardt jeweils in einer Situation, in der sie mit zu wenig Nachdruck agieren, weil alles zu schnell geht und die Gefahr noch nicht vollständig erkennbar ist. Sie resultiert nämlich aus einem Faktor, der schwer zu trainieren ist: Intensität, Geistesgegenwart, Durchsetzungswille. Allgemeiner Begriff dafür: Kampf. Die Fans wollen die Mannschaft immer "kämpfen sehen", aber Freiburg, trotz seiner prekären Situation eine sehr kompetente Mannschaft, hat vorgemacht, was das heißt: intelligente Verteilung der Arbeit, individuelle Spritzigkeit.

Beim zweiten Gegentor, aus einem ideal getretenen Corner, setzte sich Philipp gegen Plattenhardt durch, wenn dem anders gewesen wäre, hätte es Elfmeter geben müssen, denn Skjelbred riss gleichzeitig seinen Mann dramatisch zu Boden, es war der Zweikampf, der den Raum für Philipp schuf, und der wohl Plattenhardt aus dem Konzept brachte. Er war zu spät dran.

In solchen Situationen hat der Offensivspieler prinzipiell einen Vorteil, deswegen ist es einesteils wichtig, die eigenen Standards gut zu nützen (was Hertha gestern mit dem ersten Slice, den Ronny lässig in den Strafraum schickte, versäumte, seit Monaten sehen wir nur Karikaturen seiner einst gefährlichen Freistöße und Ecken), und andererseits es mit der Manndeckung nicht zu weit zu treiben - damit schaffen vife Gegner nämlich die leeren Räume, in die dann einer starten kann. Es war eine Situation, über die man Abhandlungen schreiben könnte, so komplex ist sie, und so einfach löst sie sich auf.

Hertha war statistisch gar nicht einmal so schlecht am Sonntag, die Mannschaft lief relativ viel und nicht weniger als Freiburg, die Zweikampfwerte differierten nur geringfügig, aber der Gesamteindruck war doch der einer auffälligen Unterlegenheit. Das hat natürlich damit zu tun, dass Freiburg als Außenseiter kam, und eine mustergültige Upsetter-Taktik spielen konnte.

Dárdai deutete hinterher an, dass er die Mannschaft während der Woche zu stark mit Konditionstraining strapaziert haben könnte, sie wäre also vielleicht aus der Puste gewesen. Ich halte das für einen prinzipiell wichtigen Aspekt (Hertha wirkt schon seit einem Jahr insgesamt nicht agil), er soll aber nicht den Blick darauf verstellen, dass auch Dárdais Bemühungen, aus diesem heterogenen Kader eine schlagkräftige Mannschaft zu formen, von den alten Problemen geprägt werden: Es fehlt an ein zentraler Intelligenz, Ronny ist da wie dort ein Ausfall, man sollte es sein lassen mit ihm.

Skjelbred wiederum war auf der Position 6 vergeudet, das war für meine Begriffe der zentrale taktische Missgriff. Niemeyer hinter Skjelbred, davor Stocker, Kalou über links, Beerens über rechts, Schulz oder Plattenhardt hinten, das nimmt sich nichts, so hätte die Aufstellung mehr Sinn gemacht. Als ich nach drei, vier Minuten die taktische Formation ausbaldowert hatte, war ich auch schon skeptisch, und die Bestätigung kam dann in Form peinlichen Ballgeschiebes zwischen Brooks und Hegeler, weil sich für das Herausspielen zu wenig Optionen boten.

Mit einem Wort: die Spieler versteckten sich ein wenig auf ihren Positionen. Dárdai wird sicher noch zwei Wochen "bis auf Weiteres" weitermachen dürfen, das Heimspiel gegen Augsburg und dann die Fahrt zum VfB Stuttgart aber werden für ihn die Tests, die auch schon Vorentscheidungen über die Chancen auf den Klassenerhalt mit sich bringen. Konditionstraining allein wird nicht reichen, die Mannschaft braucht eine Spielidee und eine neue Einstellung, für die ich leider kaum Proponenten sehe: Stockers Sensibilität, Brooks' Unausgeglichenheit, Hegelers Phlegma, Kalous Künstlerarroganz, Schiebers Isolation, das alles sorgt nicht gerade für Kreativit und nicht einmal für eine kompakte Grundlage.

Langkamp und Lustenberger müssen Verantwortung übernehmen, Stocker sollte einen  Vertrauensvorschuss bekommen. Vorerst wäre vermutlich schon etwas gewonnen, wenn man die sinnlosen Versuche mit Ronny einfach sein ließe. Pál Dárdai muss nun zeigen, ob er mehr kann als nur gute Sprüche klopfen. Die Bundesliga ist viel zu modern geworden, als dass es reichen würde, den guten Kumpel zu machen, der vor allem als Motivator arbeitet. Freiburg hat das gezeigt, und Hertha hatte einmal mehr das Nachsehen. Man sollte wenigstens etwas daraus lernen.


Eingestellt von marxelinho am 16. Februar 2015.
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