06. Dezember 2014

Rheydt Hauptbahnhof

Wer nach Mönchengladbach in den Borussia-Park will, muss eine Fahrkarte nach Rheydt lösen - das habe ich eben noch nachgeschaut. Ich reise mit der Bahn, im Gepäck einen langen Roman von Michel Faber (elektronisches Buch), und ich bin sehr neugierig auf das Stadion und die Stimmung bei den Fohlen. Vor zwei Jahren wollte ich schon einmal hinfahren, damals musste ich kurzfristig die Karte verfallen lassen. Auch dieses Mal war es nicht schwierig, eine zu bekommen, ich habe einfach im Netz bestellt, ich sitze nicht im Hertha-Block, sondern am Oberrang Ost, also an der Mittellinie, wie ich es am liebsten habe.

Es gibt gute Gründe, das kalendarische Fußballjahr mit einer Fahrt nach Gladbach abzuschließen - danach gibt es noch zwei Heimspiele im Olympiastadion, der Rest wird Fußball vor der Kiste (bei mir: vor der Mauer) sein. Denn der Bau des neuen Stadions war wohl eine absolut wegweisende Entscheidung, eine, die dank Lucien Favre nun auch sportlich gerechtfertigt ist. Ich weiß nicht, wie die Situation bei einem Abstieg ausgesehen hätte, aber nach allem, was man so lesen konnte, gab es in Mönchengladbach nie die Gefahr eines Szenarios wie in Aachen.

Hertha trifft heute auf eine schon seit einer Weile sehr gut geführte Traditionsmannschaft. Das ist ein interessanter Begriff. Warum ist Hertha eigentlich keine Traditionsmannschaft? Ich denke, das lässt sich in zwei Richtungen beantworten. Erstens ist Hertha natürlich auch eine Traditionsmannschaft (das Datum 1892 kann sich sehen lassen). Zweitens allerdings hat das mit der besonderen Geschichte der Bundesliga zu tun, die in den frühen siebziger Jahren einen ersten kräftigen Schub der Professionalisierung erfuhr. Das war just die Phase, in der Hertha zurückfiel. Und dann natürlich noch die besonderen Umstände, die Randlage. De facto war Hertha, obwohl aus West-Berlin, ein Ostclub. Mit der Mythologie der Mauerstadt ging ein falsches Nur-Gefühl einher ("Nur der BSC" gilt in Berlin zwar auch, wird aber nicht gesungen).

Seit Berlin Hauptstadt ist, sind wiederum die symbolischen Ansprüche für Hertha ein wenig zu groß. All die Traditionen, die für das wiedervereinigte Deutschland aufgerufen werden, passen nicht so recht zu einem Club, der in London eher in die Preisklasse West Ham oder Tottenham fallen würde, jedenfalls nicht Arsenal, nicht ältester Liga-Adel. Gladbach hatte es da vergleichsweise einfach, der Ruhrpott hat ja die Liga-Aura gepachtet, das goldene Zeitalter der Fohlen ist noch in lebendiger Erinnerung, niemand erwartet wirklich eine Wiederholung, aber der Mythos lässt sich gut beschwören, und jedes Lebenszeichen wird als traditionsbildend empfunden.

Hertha hingegen ist gerade auch nach den zwei Abstiegen wieder der schwer zu greifende Club. Ob das Olympiastadion dabei eine Rolle spielt? Ich meine, eher nein, im Gegenteil. Ich halte die Berliner Heimspielstätte für einen Ort mit Charakter, mit Geschichte (nach der gelungenen Überarbeitung des Nazibaus), einen Ort, der mit Leben gefüllt werden kann. Inzwischen habe ich ja schon die eine oder andere Spielstätte in Deutschland besucht, um einen Vergleich zu bekommen, und ich habe nirgends (Nürnberg, Köln, Mainz, Stuttgart, Bremen, Hamburg, München, nicht zu reden von Schalke) das Gefühl bekommen, dass dort Traditionsfaktoren wirklich eine Rolle spielen. Sie werden aufgerufen und zitiert, das ja, aber Hertha hat eine Spielstätte, die wirklich mit Geschichte aufwarten kann. Aber eben auch wieder ein bisschen zu groß vom mythologischen Format her.

Beim Borussia-Park, der den Bökelberg fast schon vergessen lässt, habe ich schon im Fernsehen gelegentlich den Eindruck, dass da auch eine Art Traditionstransfer gelungen ist. Ich bin nun sehr gespannt auf die Inszenierung, auf die Stimmung, also darauf, ob sich einem Zugereisten etwas von all dem vermittelt, was Borussia Mönchengladbach für so viele Fans zu einem absolut legitimen Club macht. Eine Legitimität, die Hertha sich nur über lange Jahre erarbeiten wird können. Hoffentlich geht die Arbeit heute mit einem Auswärtssieg weiter. Pflanzt auf den Borussia-Park ein Hahohe!


Eingestellt von marxelinho am 6. Dezember 2014.
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