27. August 2016

Saisonziele haben immer Saison

Hertha-Fans müssen einen Tag länger auf den Saisonbeginn warten. Das hat mit einer Terminplanung zu tun, die damals noch mit Europacup-Spielen rechnete. Daraus wurde bekanntlich nichts, sodass wir uns nun voll und ganz auf die neue Bundesligasaison konzentrieren können - und ein Schmankerl im Pokal: auswärts bei Sankt Pauli Ende Oktober. Manche werden sich an eine unerfreuliche Stunde anno 2005 erinnern, als Hertha eine Führung durch Marcelinho in der Verlängerung noch verspielte und mit 3:4 ausschied, passenderweise ein paar Tage vor Weihnachten. Der junge Kevin-Prince Boateng kam damals für Ellery Cairo ins Spiel. Tempus fudschit.

Heute stellt sich aber in erster Linie die Frage, welches Saisonziel Hertha BSC für die Bundesliga 2016/17 haben kann. Ich fürchte, wir müssen da ziemlich bescheiden ansetzen. Es sieht viel danach aus, dass es vor allem darum gehen wird, die generelle Konkurrenzfähigkeit zu beweisen. Der Klassenerhalt ist das plausibelste Saisonziel, für alles andere gibt es im Moment keine Argumente.

Das hat nichts mit einer Katerstimmung nach dem Ausscheiden gegen Brondby oder einem insgesamt dürftigen Auftritt im Pokal in Regensburg zu tun. Das ist eher eine Schlussfolgerung aus dem stilistischen Defizit der Mannschaft. Es ist auch ein konzeptionelles Defizit, das den Betreuern zuzuschreiben ist. Hertha spielt von allen 18 Bundesligisten derzeit vielleicht den altmodischsten Fußball.

Das hat in erster Linie mit dem Spiel gegen den Ball zu tun. Ein strukturiertes Pressing oder auch nur Zustellen von Passwegen ist nicht erkennbar, in der Regel beginnt das defensive Arbeiten (das immer auch potentiell Umschaltarbeiten ist) erst in der eigenen Hälfte. Das mag personelle Gründe haben, die beiden Grauen Panther ganz vorne müssen sich ihre Energien einteilen. Aber das Defizit hat nicht nur mit den individuellen Spielern zu tun.

Dardai und Widmayer sehen Hertha wohl als eine spielende Mannschaft, das war ja auch der Stand zu Beginn der letzten Rückrunde. Danach wurde allerdings komplett vergessen, dass gerade die spielenden Teams (am radikalsten natürlich der FCB unter Guardiola) intensivstes Ballerobern spielen. Hertha hingegen versuchte sich lange, bevor auch das nicht mehr so richtig klappte, an einer massierten Kompaktheit in der eigenen Hälfte, und an einem selten wirklich zündenden schnellen Aufbauspiel.

Die häufigste Situation, die auf diese Weise entsteht, ist Ballbesitz in der Defensivlinie, mit einem zurückgefallenen Mittelffeldspieler als Verbinder, und der oft unlösbaren Frage, wie man auch nur drei Zusteller von Jahn Regensburg überwinden könnte.

Gegen die Sterilität des Zentrums wurde Duda geholt, der vorerst nicht spielen kann. Darida, im Vorjahr oft der einzige Anläufer, trägt in den ersten Wochen eine nicht unbeträchtliche Verantwortung für die Gestaltung. Den Verlust von Cigerci bedauere ich auch deswegen so sehr, weil er mit seiner (zugegeben: verletzungsanfälligen) Athletik jene Intensität in das Spiel gegen den Ball brachte, die erst gute Kontermomente schafft.

Er war eine Ausnahme von dem bedingungslosen Hintenrum, das Herthas Defensivformation prägt. Der Mannschaft fehlt ein Gespür, wann jemand ins Risiko gehen sollte. Mit der Verpflichtung von Esswein kommt ein weiterer Spieler in ein Puzzle, das aus zwei abgezockten Veteranen und einer Schar von Mitläufern besteht, die alle erst (wieder) zeigen müssen, ob sie diese Saison für Entwicklung nützen wollen. Mitchell Weiser würde ich ausnehmen, er hat auch gegen Regensburg gezeigt, dass er etwas vorhat. Er kämpft um einen Platz mit dem verlässlichen Pekarik, dessen Flügelspiel ansprechend ist.

Plattenhardt, Brooks, Langkamp, Skjelbred, Lustenberger, Stark, Haraguchi, Stocker aber müssen sich zeigen (dürfen), wenn sie sich nicht dem öden Mittelmaß ergeben wollen. Sie müssen also gegen den Trend arbeiten. Individuelle Ambition ist aber sinnlos, wenn die Mannschaft kein brauchbares Konzept hat. Pal Dardai und Rainer Widmayer werden um die Frage nicht herumkommen, wo für Hertha das Spiel beginnt: dort, wo der Ball ist, oder dort, wo sie eine Linie ziehen. Die Personalauswahl wird mit beiden Aspekten zu tun haben müssen: wer kann Tore schießen, wer kann Bälle holen, wer kann beides verbinden? Für Salomon Kalou, für den die Saisoneröffnung allerdings durch den Tod seines Vaters überschattet ist, zeichnet sich eine schwierige Saison ab.

Für die Betreuer ohnehin. Sie hatten eine unruhige Vorbereitung, es deutet wenig darauf hin, dass die Zeit für Verbesserungen der Spielanlage genützt werden konnte. Klassenerhalt muss das Ziel sein, ein einstelliger Tabellenplatz wäre eine echte Überraschung, zum Thema Europa hat Hertha vor drei Wochen selbst das Aktuelle gesagt. Wir können nur hoffen, dass der öffentliche Lernprozess, den wir mit Pal Dardai erleben, sich nicht auf Motivation und Anmache beschränkt, sondern auch auf die Spielanlage. Dardai verdient einen weiterhin großen Vertrauensvorschuss. Er hat selbst dafür gesorgt, dass wir Hertha wieder an anderen Ambitionen messen möchten als denen, bloß in der Liga zu bleiben.



Eingestellt von marxelinho am 27. August 2016.
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