17. April 2017

Schizoide Symptome

Irgendwie ist Hertha derzeit fast schon mehr Symptom für eine schwache Liga als ein Ereignis eigenen Rechts. Das 0:1 gegen Mainz könnte man als solches auch einfach übergehen. Hätte man auch gar nicht spielen müssen, aber dann wäre das mit 0:3 gewertet worden, und dann wäre die Tordifferenz auf plusminusnull. Zwischen der Mannschaft im Abstiegskampf und der Mannschaft auf Platz 1 der Europa-(Restever)Wertung war ein Unterschied nur insofern erkennbar, als Mainz klar besser war.

Vorne marschiert das Quartett, zu dem Hertha mit der bitteren Heimniederlage gegen Hoffenheim abreißen lassen musste. Dahinter drängeln praktisch nur Vereine, die in irgendeiner Form Probleme haben - sieht man einmal von Freiburg ab, die als Aufsteiger natürlich deutlich über Soll sind, und dies auch spielerisch gelegentlich unterstreichen. Das Problem von Hertha ist inzwischen in der Einzahl nicht mehr benennbar.

Gegen Mainz wurde zwar fast schon obligaterweise die erste Halbzeit abgeschenkt. Aber es war auch eine Mannschaft, die schon deutlich ausgedünnt war: Stocker und Stark kamen zur Verletztenliste hinzu, Darida war gesperrt. Nominell blieb immer noch eine richtige erste Elf, zumal Mittelstädt fast noch besser als Haraguchi auftrat - er hätte er aber schon wieder vom Feld fliegen müssen, der in Berlin nicht sehr beliebte Schiedsrichter Aytekin zeigte sich gnädig.

Wie gesagt, man muss das vermutlich mit Blick auf die Liga als ganze sehen: Warum gibt es so wenig selbstbewusste Teams? Hertha tritt auswärts auf, als wüsste die Mannschaft gar nicht, was sie unter Umständen können könnte. Das ergibt in Summer in der Rückrundentabelle inzwischen schon wieder Platz 14, nähert sich also bedenklich dem Phänomen aus dem Vorjahr. Von dieser Halbjahresschizophrenie wollte sich Hertha BSC entfernen, stattdessen wurde sie durch eine Heim-Auswärts-Schizophrenie ergänzt. Zwei Schizophrenien ergeben in keiner Logik eine gute Einheit.

Dass der Trainer im Sky-Interview so aggressiv reagierte, war dann auch so etwas wie eine Ersatzhandlung. Die Mannschaft konnte er nicht auf Touren bringen. Alle tun so, als wäre die Sache in höchstem Maß rätselhaft, eine Weile hat man es mit Witzeleien versucht, es gab auch so etwas wie therapeutische Tricks (Anreise am Spieltag). Vielleicht könnte man es aber mit einem grundlegenden Gedanken versuchen.

Er hat etwas mit der gespaltenen Persönlichkeit von Pal Dardai selbst zu tun. Es gibt ja offensichtlich zwei Temperamente in seiner Brust. Das eine sucht die einfachen Lösungen im Fußball, oft spricht man dabei auch von sekundären Tugenden, und im Ergebnis steht dafür das Wort "irgendwie". Dardai deutet ein bisschen zu oft an, dass er von der Mannschaft Siege erhofft, die sie irgendwie über die Einstellung erzwingt, die "dreckig" zustandekommen. Pragmatismus in unangenehmer Form.

Manchmal zeigt er auch Facetten eines anderen Pal Dardai, eines Fußballverstehers, der seine Mannschaft mit Lösungen füttert, und ganz manchmal zeigt Hertha sogar, dass sie da etwas weiß - allerdings bisher nur zweimal, bezeichenderweise gegen Mannschaften, die ein offenes Spiel anboten: die Bayern und der BVB.

Die Mannschaft hat auswärts keine Einstellung, weil sie es mit Lösungen erst gar nicht versucht. Das Irgendwie-Prinzip bringt es mit sich, dass es irgendwie meistens verdientermaßen scheitert. Wäre es anders, wir würden den Fußball bald hassen.

Im Vorjahr war es zum Ende hin so, dass nur noch der erste Pal Dardai erkennbar war, und die Mannschaft zeigte sich entsprechend ratlos. In diesem Jahr mag man auf den Irrtum verfallen, dass die drei Heimspiele schon reichen werden, um noch ein paar Punkte zu machen. Das könnte aber über den Umstand hinwegtäuschen, dass Hertha auch im Olympiastadion oft unansehnlich spielt. Pal Dardai II braucht vielleicht einfach noch Zeit, vielleicht wird er aber auch niemals zur Entfaltung kommen.

Denn der Themen sind viele: die medizinische Abteilung und das Konditionstraining sind zweifellos zu hinterfragen, waren es eigentlich immer. In diesem Jahr sind die Probleme auch wieder so breit gestreut, dass man eine systemische Ursache natürlich wegdiskutieren kann; es wäre nur naiv.

Taktisch bleibt viel zu lösen. Das zentrale Mittelfeld ist das älteste Thema, es ist bei Hertha zu wenig Umschaltzentrale, zu sehr nur negativer Raum, und zuletzt abgesichts mehrerer Weitschusstore nicht einmal mehr defensiv ausreichend gut genützt. Für die Flügel fehlt das Personal. Esswein muss man inzwischen trotz gelegentlicher Momente als Fehleinkauf werten: die Art und Weise, wie er sich nach seiner Einwechslung in Mainz innerhalb einer Minute präsentiert hat, reicht als Indiz vollkommen aus. Haraguchis Grenzen sind überdeutlich und können nur kollektiv überwunden werden.

Hertha geht in einen schwierigen Sommer, egal, wie die Saison ausgeht. Die Liga lässt Konsolidierungen kaum zu, es sei denn, man hat eine Portokasse wie Leipzig, von denen es an diesem Wochenende heißt, dass Weiser dort ein Thema wäre. Die angebliche Ausstiegsklausel wäre peinlich für den Manager. Ein junger Spieler, ein Toptalent, wäre wohl auch leichter zu halten, wenn es in Berlin ein Projekt gäbe. Eine Mannschaft, die sich anders entwickelt als irgendwie.


Eingestellt von marxelinho am 17. April 2017.
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