17. September 2014

Schnapp, schnapp

Bei einer Lehrstunde kommt es wesentlich darauf an, wann man sie bekommt. Insofern kann der Arsenal FC nach dem 0:2 bei Borussia Dortmund fast ein wenig erleichtert sein: Es war das erste Spiel in der CL-Gruppenphase, die Saison ist insgesamt noch jung. Die Mannschaft von Arsène Wenger könnte vielleicht sogar von der Erfahrung profitieren.

Andererseits gibt es frühestens in vierzehn Wochen neue Spieler, und gerade eine Personalie hat gezeigt, dass eigentlich Bedarf besteht: Mikel Arteta, der Kapitän, hatte von der ersten Minute an die allergrößten Schwierigkeiten, dem Tempo und der Intensität von Dortmund etwas entgegenzusetzen. Er war keineswegs der einzige, Wilshere und Ramsey, Özil und Sanchez ging es nicht besser, und Welbeck war, bis auf ein schönes Zuspiel von Ramsey, auf verlorenem Posten.

Es war so, wie es Arsenal oft gegen Spitzenmannschaften geht: Die Elf von Wenger kommt gar nicht ins Spiel. Der BVB war allerdings außergewöhnlich mit seinem Engagement, mit dem Wagemut der Außendecker (Durm gegen Sanchez, einseitig!), mit der unauffälligen, aber nahezu vollständigen Verdichtung im Zentrum. Arsenal suchte neunzig Minuten lang nach Möglichkeiten, irgendwie in dieses Spiel hineinzufinden, aber noch spät und mit einem überzeugenden 2:0 im Rücken presste Dortmund weit vorne, schnitt schon die Verbindung zwischen der Viererkette und den Aufbauspielern ab.

Özil suchte schließlich wenige Meter vor Kieran Gibbs den Ball, es gelang ihm aber auch nicht, ein Kombinationsspiel in Gang zu bringen, das den aufopferungsvollen und in der Umschaltbwegung rasanten Anläufen von Dortmund entkommen hätte können.

Jürgen Klopp sprach nach dem Spiel von zwei, drei Pressingsituationen, die er als Schulbeispiele wahrnahm. Er nahm sie aber mit der Haltung eines Connoisseurs wahr, wie jemand, der mit der Zunge schnalzt, wenn er etwas besonders Gelungenes beobachtet. Es wäre reizvoll, wenn er diese Situationen irgendwann genauer benennen würde, dazu müssten wir Einblick in die Videoanalyse des BVB bekommen, worauf meine Chancen gering sind.

Aber auch dem Laienblick konnte nicht entgehen, dass hier die alte Interviewformel voll und ganz zutraf: "Wir haben sie nicht ins Spiel kommen lassen." Oder, in der immer ein wenig bildlicheren Formulierung von Klopp: "Wir haben uns Arteta geschnappt, wir haben uns Wilshere geschnappt." Sie haben sich eine europäische Spitzenmannschaft geschnappt, die nicht so schwer zu schnappen ist, weil Arsenal häufig mit einer strukturellen Naivität in solche Spiele geht. Wenger macht zu wenig Unterschied, er stellt seine Teams selten einmal spezifisch auf einen Gegner oder gar auf eine erwartbare Formation ein.

Ohnehin hätte Klopp ihn vermutlich überrascht, weil er nicht den in Form kommenden Ramos brachte, sondern Immobile, der schon ein wenig als Sorgenkind galt, der allerdings mit viel "fiducia" aus der Länderspielpause zurückgekommen war. Dazu Großkreutz, Aubameyang und der wunderbare Mkhytarjan, und schon diese offensive Viererreihe mit den ungeheuer wachen Außendeckern ließ Arsenal bei Ballbesitz kaum Luft.

Ein entscheidender Faktor muss allerdings berücksichtigt werden: der Spielverlauf. Es gab diese Begegnung vor nicht ganz einem Jahr ja schon einmal, damals war sie ähnlich einseitig, sie ging allerdings anders aus. Denn damals gelang Dortmund in einer fulminanten ersten Halbzeit eben kein Tor (dieses Mal gelang Immobile knapp vor der Pause ein Treffer, zu dem er sich selbst mit einem "auto-assist", copyright Raphael Honigstein, ein wenig überlistete). Damals traf Ramsey in der zweiten Halbzeit ein wenig aus heiterem Himmel.

Dieses Mal lief alles auch bei der Verwertung nach Plan. Manchmal war das ja ein bisschen das Problem beim BVB. Jetzt bin ich eben gespannt, ob Arsenal etwas aus der Begegnung lernen kann. Die Erfahrungen machen mich skeptisch: zu oft gab es schon ähnliche Situationen, und der einzige, der daraus wirklich Konsequenzen ziehen könnte, ist der Unbelehrbare: Arsène Wenger.

Vielleicht steckt hinter der Sache aber ja auch ein Kalkül. Wenn nämlich Manchester City heute die Bayern ärgert, was selbst passionierte Miasanmirer für denkbar halten, dann könnte Guardiolas Elf am Ende vielleicht als Gruppenzweiter in die Auslosung des Achtelfinales gehen. Und dann müsste Arsenal ebenfalls Gruppenzweiter werden, um die Bayern sicher zu vermeiden. Sagen wir einmal so: dazu wäre das gestern ein großer Schritt gewesen.


Eingestellt von marxelinho am 17. September 2014.
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