19. April 2015

Sein und Hafer


Auf dem Weg ins Stadion gewann ich gestern kurz einen trügerischen Eindruck. Ich meinte, eine echte Renaissance des Interesses an Hertha zu erkennen, und dachte, es könnten vielleicht mehr als 60000 Zuschauer zum Spiel gegen den FC Köln kommen. Schließlich hatten sich auch Freunde gemeldet, die ich schon länger nicht gesehen hatte, und die in ihrer Beziehung zu Hertha manchmal ein wenig wankelmütig sind. Es waren dann doch nur knapp über 50000, das Wetter war auch keineswegs so eindeutig frühlingshaft, wie es aussah. Und das Spiel war eher für Fans als für die nächste Gruppe, die ich als Gewinnmitnehmer bezeichnen würde, in einer anderen Metaphorik könnte man, passend zur Jahreszeit, von Schönwetterfans sprechen.

Für die Gewinnmitnehmer gibt es bei Hertha noch nicht ausreichend, um wirklich einzusteigen. Der Punkt aus dem Remis gegen Köln hat die Sorgen wegen des Abstiegs ein weiteres Bisschen verringert, aber noch nicht endgültig beseitigt, zumal nun drei "große" Gegner anstehen. Der Abstand auf Platz 16 beträgt sieben Punkte, zugleich gehört Hertha nun zu einem engen, nur durch drei (potentiell vier, wenn Bremen heute den HSV schlägt) Punkte getrennten Mittelfeldpulk in der Tabelle, an dessen oberem Ende eine Europacup-Teilnahme winken könnte. Das wäre des Guten denn doch zu viel, auch wenn den einen oder anderen Freund letzte Woche in den digitalen Netzwerken der Hafer gestochen hat.

Das Spiel selbst war von der Tatsache geprägt, dass beide Mannschaften im Zweifel lieber einen Punkt wollten als keinen, und drei nicht ganz unbedingt brauchten. Unter diesen Umständen war es dann stellenweise überraschend offensiv, wenn auch nie so, dass Drangperioden so konsequent fortgesetzt worden wären, dass der Gegner richtig in Schwierigkeiten gekommen wäre.

Auf der Seite von Hertha stand fast vollständig die erste Elf dieser Spielzeit auf dem Feld, jedenfalls jene erste Elf, die sich herauskristallisiert hat. Nach den vielen Schwierigkeiten, die Luhukay mit dem Kader hatte, hat sich für Coach Pal, auch begünstigt durch eine weniger komplizierte Verletzungssituation, die Sache recht schnell einigermaßen klar dargestellt: Er hat eine erste Viererkette, in deren Zentrum Langkamp und Brooks sehr gut zusammenarbeiten, etabliert. Für Fabian Lustenberger, den Kapitän, wurde ein Platz im defensiven Mittelfeld gefunden, wo er Skjelbred den Rückhalt für dessen offensive Vorstöße geben kann. Diese sind noch nicht so häufig, wie es vielleicht schön wäre, bringen aber interessante Situationen mit sich.

Schulz bekam den Vorzug vor dem angeschlagenen Beerens, der gestern sehr auffällige Haraguchi ist momentan erste Wahl, Stocker spielt hinter Kalou - der Schweizer war dieses Mal nicht besonders gut ins Spiel integriert, ein paar Mal konnten wir ihn im Stadion bei Läufen sehen, auf die der ballführende Spieler nicht einging. Schieber, Cigerci, Ben-Hatira und (unter Umständen, das wird sich leider erst weisen müssen) Baumjohann gehören auch zur ersten Wahl, danach kommen schon die Ergänzungsspieler.

Das heißt konkret, dass die Einkaufsbilanz des letzten Sommers ganz so schlecht nicht war, wie sie in der Winterpause noch erscheinen musste. Es heißt auch, dass Hertha den Kern einer guten Mannschaft zur Verfügung hat, dass mit punktuellen Ergänzungen schon einiges möglich werden könnte.

Gegen Köln gefielen mir eher die Grundtugenden, eine technische Kompetenz, auf die sich leidenschaftlicheres Spiel aufbauen ließe, sobald die mentalen Blockaden des Abstiegskampfes gelöst sind. Gegen die übermächtigen Gegner, die nun kommen, könnten das interessante Spiele werden. Gegen Köln zeigte sich vor allem Kalou als ein wenig zu umständlich, er interpretiert seine Rolle eher raumgreifend, es fehlt ihm aber an der letzten Klarheit.

Insgesamt gewann ich den Eindruck, dass der innere Rhythmus des Spiels, die Übergänge zwischen aktiveren und abwartenden Phasen, eindeutig von der speziellen Konstellation zweier in der Tabelle unmittelbar benachbarter Teams geprägt waren, die einander wohl auch in Sachen Qualität nicht viel nehmen. Wobei Hertha doch die interessanteren Ansätze zeigte.

Es war ein pragmatischer Abschluss einer Woche, in der Hertha sich doch deutlich am Rande einer turbulenten Fußballwelt begreifen musste. Mit den Königsdramen hat man nichts zu tun, zum Glück auch nicht auf die peinliche Weise, auf die der HSV darin verwickelt ist. Das Spiel gegen Köln war selbst unter den Umständen dieser Ligarunde fast so etwas wie ein Ablenkungsmanöver zweier Mannschaften, die sich nicht aus der Reserve locken lassen wollten: Schaut anderswo hin, war die Botschaft dieses Spiels, wir haben auch Pläne, aber wird legen derzeit noch Grundlagen. Das ist der ewige Mythos des Fußballs, dass es Grundlagen gäbe. Es gibt aber meist nur Stimmungen. Hertha hat immerhin in den letzten Wochen die Grundlagen für eine vorsichtig optimistische Stimmung gelegt.



Eingestellt von marxelinho am 19. April 2015.
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