08. November 2014

Solidarnosc 96

Ist das nun ein Knacks, den Hertha BSC in den letzten zwei Woche abbekommen hat? Oder waren die drei Heimsiege davor trügerisch, und es zählt der Gesamteindruck des Jahres 2014: dass Jos Luhukay und sein Team nicht mehr wissen, wie man in dieser Bundesliga auftreten muss?

Das 0:2 am Freitagabend gegen Hannover 96 konnte ich leider nicht live verfolgen, ich musste es heute morgen aus der Konserve nachholen. Den Ausgang wusste ich schon, man schaut sich das Spiel dann schon sachlicher an, irgendwie auch noch ohnmächtiger.

Vor dem Spiel war viel davon die Rede, dass Hertha zwei Statistiken anführt: schwächste Zweikampfbilanz und die meisten Fouls der Liga. Die beiden Werte hängen zusammen, denn ein Foul ist ja auch ein verlorener Zweikampf. Hertha kommt schon seit längerer Zeit häufig zu spät. Oder einfach nicht ins Spiel.

Die Ostkurve hatte ein Transparent entrollt, mit dem sie gegen "Provinzclubs" polemisieren wollte. Aber das ist nun einmal die Realität dieser Liga: Mannschaften mit Standortnachteilen machen möglichst viel aus ihren Möglichkeiten. Hertha hingegen hat die gute Spielanlage der Hinrunde 2013 mehr oder weniger vollkommen vergessen.

Gegen Hannover 96 war einmal mehr deutlich, dass nur eine Mannschaft einen Plan hatte. Tayfun Korkut sprach hinterher von der großartigen "Solidarität" seiner Mannschaft. Es war nicht ganz klar, ob er vielleicht "Solidität" sagen wollte, ein anderes Wort für die unangenehme Kompaktheit, die ein unansehnliches Spiel ergab, eines von so vielen Abnützungsduellen, die in der Liga der Weltmeister den Alltag ausmachen.

Aber mit Solidarität traf er schon einen wichtigen Aspekt. Und kurz vor der Pause reichte dann eine Standardsituation für den Führungstreffer. Das kleine Gerangel, mit dem Plattenhardt gegen Briand ins Hintertreffen geriet, erinnerte fatal an den Zweikampf zwischen Heitinga und Huntelaar, der erst vor wenigen Wochen einem anderen Hertha-Spiel die Richtung wies. Hertha lässt sich zu leicht abschütteln.

Der zweite Gegentreffer nach der Pause war dann fast schon ein Exempel. Hannover war auf Ballgewinne in der gefährlichen Zone aus, sie wussten zu diesem Zeitpunkt längst, dass vor allem Hosogai und Plattenhardt verwundbar waren. Umgekehrt sah man ein ähnliches Pressing von Hertha nicht, dabei ist es doch inzwischen auch Allgemeinwissen bei den Fans geworden, dass es gegen so unangenehme Mannschaften wie H96 auf die wenigen Momente ankommt, in denen diese den Ball haben, vielleicht gerade erobert haben, und kurz anfällig sind für eine Intervention.

Das wäre dann wohl Gegenpressing, ein Begriff, von dem gelegentlich behauptet wird, er wäre sinnlos. Hertha spielt weder richtiges Pressing noch Gegenpressing. Die Laufwerte von Kalou, zuletzt jeweils deutlich unter 10 Kilometer, deuten an, dass er sich als Sonderfall sieht und auch sehen darf: er nimmt sich einfach sehr viele Pausen. Und Haraguchi, Stocker, Beerens sind mit ihren Rochaden zu beschäftigt, um sinnvoll und strukturiert gegen den Ball zu arbeiten. Das nennt man dann wohl eine schlecht eingestellte Mannschaft.

Dazu müsste Luhukay jetzt auch einmal etwas sagen. Insgesamt ist Hertha am Freitag knapp 111 Kilometer gelaufen, das ist schon wieder der mäßige Wert der frühen Saisonspiele. In diesem Fall bedeutet die Zahl, dass es Hannover gelungen ist, das Spiel zu bestimmen - nämlich entschleunigend.

Wenn man dann noch Freistöße wie die von Ronny in der 69. und in der 75. Minute sieht, dann muss man dringend den Verdacht haben, dass da verschiedenen Spielern alles egal ist. Der Coach sprach hinterher davon, dass nicht der Wille gefehlt hat, sondern die Überzeugung. Hannover 96 war von sich überzeugt, weil sie das "Durchschieben" geübt hatten, wie ein Spieler hinterher in einem Interview sagte.

Hertha war nicht von sich überzeugt, weil unklar war, was die Mannschaft geübt hatte. Der kleine Heimnimbus war der Strohhalm, an dem die bisherige Saison hing. Nun ist Hertha wirklich angezählt, die Gefahr einer Winterpause auf einem Abstiegsplatz ist konkret.

Und Jos Luhukays Besonnenheit erweckt zunehmend den Eindruck von Desinteresse. Er fällt derzeit auch rhetorisch hinter die Trainer in der Liga zurück, die ihre Mannschaften gut und deren Potential entsprechend instruieren - und das hinterher auch noch überzeugend erklären. Es gibt Fans, die wollen die Mannschaft nun "Gras fressen" sehen. Wichtiger wäre eine sinnvolle Spielanlage. Hertha ist zu häufig ein angenehmer Gegner.


Eingestellt von marxelinho am 8. November 2014.
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