07. März 2016

Spritzischkeit kennt eine Grenze

Hertha geht die Luft aus. Anders kann man die Niederlage in Hamburg wohl nicht deuten, der Coach selbst wies die entsprechende Richtung und vermisste "Spritzigkeit". Eine Halbzeit lang reichte auch ein desinteressiert wirkender Auftritt, um den HSV halbwegs in Schach zu halten. Dann ließen sich die Probleme vor allem im Zentrum aber nicht mehr bemänteln. Fabian Lustenberger muss sich den wesentlichen Teil der Verantwortung für das erste Gegentor zuschreiben lassen, wer sich so weit hinauslocken lässt, an der Cornerfahne dann aber keine Anstalten macht, eine Hereingabe auch wirklich verhindern zu wollen, bringt die ganze Mannschaft in Schwierigkeiten.

Allerdings hatte am Sonntag kaum jemand Normalform, dabei wäre der HSV doch der ideale Gegner für einen mutigen Auftritt zum Ausgang einer zwar spielerisch alles andere als überzeugenden, aber erfolgreichen englischen Woche gewesen. Die Leistung wirft Fragen allgemeinerer Art auf. Lange hatte Hertha ja durch exzellente Fitness beeindruckt, nun wirkt die Mannschaft aber schon längere Zeit nicht mehr auf der Höhe. Jetzt erst wird sich vermutlich weisen, ob das Konditionstraining tatsächlich auf der Höhe der Zeit war, von dem es ja immer wieder Andeutungen gibt, dass es legendär anstrengend gewesen sein muss, oder ob es schlecht dosiert und nicht auf die ganze Sicht der Saison ergiebig war.

Dazu kommt die Neigung der Betreuer, auf einen sehr kleinen Kreis von Spielern zu bauen. Die Stammelf wird allenfalls geringfügig variiert, Stocker und Baumjohann stehen zwar meist noch im Kader, gehören aber nicht wirklich zum Team, ein wenig näher dran ist Tolga Cigerci, der allerdings gestern auch keine Werbung in eigener Sache machen konnte, nachdem er für Lustenberger kam. Trotzdem wäre es von Interesse, ihn auf dieser Position einmal durchspielen zu sehen.

Dieser Platz 3 in der Tabelle wirkt auf Hertha anscheinend nicht wie ein Ansporn, sondern wie Treibsand. Pal Dardai schafft es auch weiterhin, das alles gut zu moderieren, aber seine Aufstellungen zeigen, dass er sehr pragmatisch denkt, dass er den gewonnenen Freiraum jedenfalls derzeit nicht für Lernprozesse nützen will, sondern für Verwaltung des Erreichten. Das ist verständlich genug, und hinterlässt doch zunehmend einen schalen Nachgeschmack.

Gegen Schalke 04 soll die Mannschaft teilweise neu formiert werden. Lustenberger und Darida werden als Kandidaten für eine Pause genannt. Ich würde Ibisevic und Pekarik hinzufügen. Der Slowake ist aufgrund seiner langen Verletzungspause zwar ausgeruhter als die anderen, die Besetzung der rechten Seite mit ihm und Weiser erscheint mir aber nicht ideal, sie verringert die Dynamik im Spiel, die Weiser bringt, wenn er von hinten kommt.

Der Mittelstürmer lebt von entscheidenden Momenten, die allerdings in der Rückrunde selten geworden sind. Da Hertha gegen Schalke vermutlich eine Außenseiterrolle suchen wird, könnte man darüber nachdenken, mit Kalou als zentraler Spitze zu spielen, unterstützt von Darida und Cigerci, die das "schiefe Dreieck" mit Skjelbred bilden könnten. Stocker und Haraguchi auf den Flügeln, vielleicht könnte ja auch Alexander Baumjohann wieder einmal eine Rolle spielen, und auf Julian Schieber warten wir wohl alle dringend.

So brillant das Zulaufen und Umschalten gegen Dortmund noch funktioniert hat, so deutlich waren die Mängel in dieser Hinsicht gegen Hamburg. Das mag mit Tagesform zu tun haben, wie Pal Dardai die Sprachregelung ausgab, sieht aber eher nach Tendenz aus. Da die Saison nun einmal noch eine Weile geht, und auch noch einige echte Höhepunkte anstehen, kann Hertha nicht viel mehr tun als das berühmte Ausruhen mit dem Ball, das allerdings gegen den HSV nicht einmal in Ansätzen gelang. Die andere Möglichkeit ist, auf einen starken Kader zu bauen. Den muss man aber auch stark machen. Indem man mehr als 13, 14 Spielern die Möglichkeit gibt, sich zu zeigen.



Eingestellt von marxelinho am 7. März 2016.
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