29. Oktober 2017

Stabile Seitenlage

Fußball ist ein Sport, bei dem (halbwegs) organisierte Bewegung zu Zahlenreihen führt. Es bräuchte also im Grunde das Erzählen gar nicht, denn das, was auf dem Platz passiert, sieht man, und danach kann man die Tabelle lesen. Damit wäre der windige Samstagnachmittag in Berlin wahrscheinlich auch angemessen verhandelt: Hertha BSC - Hamburger SV 2:1 (Halbzeit 1:0). Das ergibt in der Summe der bisherigen Saison die ausgeglichen wirkende Bilanz von drei (Heim-)Siegen, vier Unentschieden und drei Niederlagen (gegen Dortmund, Schalke und Mainz), eine Tordifferenz von minus 1 (bei elf erzielten Toren), 13 Punkte und Platz 10 (der am Sonntag noch an Augsburg gehen könnte).

Hätte der HSV nicht in der zweiten Halbzeit noch einen Anschlusstreffer erzielt, wäre das alles ganz herrlich ausbalanciert, denn dann wäre mit einer Tordifferenz von 0 auch deutlich sichtbar gewesen, dass Hertha derzeit in beide Richtungen offen ist. Oder vielleicht sogar genauer: in beide Richtungen geschlossen. So halbwegs jedenfalls.

Denn in den Details lauern die Geschichten, und aus den kleinen Geschichten werden Erzählungen. Die Erzählung der vergangenen Woche war die einer (von außen) "hereingeredeten Krise" (Pal Dardai) oder einer "Negativspirale" (Sebastian Langkamp). Die Krise - über die man natürlich genauer sprechen muss - wurde durch zwei Kopfballtreffer von Stark und Rekik nach Eckbällen von Plattenhardt und Weiser abgewendet. Der Gegentreffer war dagegen eher noch Krisenmodus, denn einmal mehr ließ sich da die ganze Formation einen Ball in neuralgischen Zonen um die Ohren spielen.

Dem HSV reichte schließlich aber nicht einmal eine merkwürdig überproportionierte Nachspielzeit von vier Minuten für den Ausgleich, sodass wir uns ein bisschen entspannter der Frage zuwenden können, welcher Art die Krise von Hertha ist oder war - und ob sie abgewendet worden ist, nie existiert hat oder vielleicht immer noch besteht?

Ich neige zu der dritten Möglichkeit, würde dabei aber gern genauer fassen, um was für eine Krise es geht. Ich würde von einer Lernkrise sprechen. Pal Dardai greift ja selbst gern immer wieder auf den Topos von einem Ausbildungsverein zurück, zuletzt klang das aber schon manchmal nach einer Ausrede dafür, dass bei Hertha derzeit keine Fortschritte erkennbar sind. Und wenn ich neulich die Zwischenbilanz seines Wirkens bei Hertha mit dem Wort Stagnation benannt habe, dann liegt das an bestimmten einfachen Tatsachen, an denen sich nie wirklich etwas geändert hat, die aber grundlegend für die Schwierigkeiten der Mannschaft sind.

Hertha tut sich schwer, das (oder ein) Spiel zu machen. Das ist - im Kommentatorendeutsch - der Grundbefund. Aber warum ist das so? Ein Faktor ist sicher die individuelle Qualität der Spieler. So konnte man gegen den HSV sehen, dass Lazaro (derzeit noch?) in etwa die Qualität hat, die Haraguchi auch hat (und die ihn seinen Stammplatz gekostet hat). Defensiv würde ich Lazaro sogar als schwächer als Haraguchi einschätzen. Er ist aber nun einmal ein Neuzugang, und muss natürlich seine Chancen bekommen.

Lazaro war auch keineswegs der Schlüssel für die Schwierigkeiten, gegen den HSV ein Spiel zu machen - auch wenn es frustrierend ist, wenn die offensiven Spieler ihre raren Momente vergeuden. Der Schlüssel zu den Hertha-Problemen liegt im defensiven Mittelfeld - und zwar seit der Bestellung von Pal Dardai zum Cheftrainer (de facto noch viel länger, aber es macht keinen Sinn, hier noch einmal das Fass aufzumachen, in dem Niko Kovac lange der Berliner Diogenes war). In der Konstellation Skjelbred-Stark war die Doppelsechs im defensiven Mittelfeld am Samstag noch ein bisschen flacher als sonst. Vor allem aber lohnt es sich, den beiden zuzusehen, wenn Hertha von ganz hinten das Spiel eröffnen muss.

Dass von Langkamp und Rekik keine interessanten längeren Bälle kommen, damit kann man sich abfinden - auch wenn es dem Ziel einer integrierten Mannschaftsleistung und einer variablen Spielanlage nicht dienlich ist. Dass Skjelbred und Stark aber in dieser Situation in der Nähe eines Gegenspielers einfach herumstehen, weil sie ganz fest davon ausgehen, dass der Ball sowieso nach außen gehen muss, das ist eine der großen Merkwürdigkeiten, die aber bei Hertha (in unterschiedlichen personellen Besetzungen) ganz normal sind.

Zu Saisonbeginn gab es in so einer Situation oft noch eine Dreierreihe, weil sich einer aus der Doppelsechs zurückfallen ließ (dann schaltete der andere eben allein ab), diese Variante war aber nichts anderes als eine taktische Verstetigung des Umstands, dass Hertha nur über außen aufbauen will. Inzwischen ist man von dieser Variante mit Aufbaulibero auch wieder weitgehend abgekommen, weil sie nicht viel mehr ergab als das, was schon davor die Regel war - nämlich Spiel über die Seite. Die Seite hat bei Hertha selten eine zweite.

Wie könnte eine Spieleröffnung aussehen, mit der jenes Tempo entsteht, das den Gegner zu Fehler zwingt? Die Lösung ist so naheliegend, dass sie anscheinend niemandem einfällt. Es müssten sich einfach nur alle bewegen. Und zwar gar nicht hektisch und mit sinnlosen Sprints, sondern so, dass sich in dem Bereich, in den das Spiel geht, immer vier, fünf Spieler für die Situation zuständig fühlen, dass sie mit ihren Bewegungen Optionen anbieten und dem Gegner Dilemmata. Bei Hertha fühlen sich aber immer nur zwei bis drei Spieler in eine Situation einbezogen.

So kommt es fast nie zu der eigentlich logischen Variante, dass der Ball über die Außenposition in die Mitte geht (dort allerdings eine Reihe weiter vorn, wozu Plattenhardt allerdings auch einmal seinen rechten Fuß benützen müsste, nachdem nun allerdings sein linker so MAGISCH ist, sei ihm das halt erspart), und von dort in verschiedene Richtungen. Der alte Topos von den Dreiecken, über die man nach vorn kommt, gilt bei Hertha nicht, weil das zentrale Mittelfeld dafür keine Eckpunkte (Anspielmöglichkeiten) anbietet. (Arne Maier fällt deswegen auf, weil er das schon ein wenig anders macht.)

Ergo Plattenhardt oft wieder auf Rekik, und dann ein langer Ball (und analog auf der anderen Seite). Die "Krise" von Hertha liegt darin, dass die paar Halbzeiten, in denen sich dieses Jahr schon ein anderes Spiel angedeutet hat (Leverkusen, Hoffenheim), derzeit wieder vergessen scheinen. Das hat natürlich auch mit Integrationsfragen zu tun: Ibisevic muss mitgeführt werden, Selke herangeführt, Duda darf nicht jetzt schon abgeschrieben werden (auch wenn sein Stil ihn dafür zu prädestinieren scheint), Lazaro muss positionell erst einmal ausprobiert werden.

Der Sieg gegen den HSV hat wieder einmal gezeigt, dass eine Mannschaft wie Hertha wirklich bei jedem Standard maximale Konzentration braucht (in diesem Fall hat auch Weiser sie gezeigt). Der erste Treffer durch Stark war eigentlich ein Klassiker (Hertha hat solche Tore auch schon markant kassiert, ich denke an Gentner vom VfB Stuttgart). Das zweite war glücklicher, das kann man auch eigentlich nicht verteidigen, denn ein exzellent getretener Eckball kommt einfach irgendwo dort an, wo der Keeper nicht hinkommt, und wo sich auf einer Linie vier, fünf Köpfe bereithalten, die nicht bis ins letzte Detail reagieren können. Bei Rekik passte es dann genau, Ibisevic war knapp dran, und doch hatte er keine Chance auf diesen Ball.

Krisen sind immer auch Anpassungskrisen. Bei Hertha sind wir es gewöhnt, die Ansprüche ständig anzupassen. Derzeit zum Beispiel den Anspruch, dass das Wort vom "Ausbildungsverein" nicht im Sinne einer Ausrede gebraucht wird. Wenn schon, dann auch Lernerfolge. Lernen ist immer Detailarbeit. Und von diesen Details ist derzeit eher wenig zu sehen. Das ist die Krise. Der Heimsieg gegen den HSV hat sie nur numerisch behoben. Sie ist nicht dramatisch, aber man sollte ihr doch abhelfen.


Eingestellt von marxelinho am 29. Oktober 2017.
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