27. Dezember 2015

Störenfriede beleben den Weihnachtsfrieden

In diesem Jahr, in dem Weihnachten besonders günstig liegt und drei stille Tage nach sich zieht und nicht zwei, war Fußball am Boxing Day besonders angebracht. Diese englische Tradition, die wahrscheinlich auch eine Menge zu der globalen Attraktion der Premier League beiträgt, denn in dieser Woche haben die Clubs von der Insel die Fernsehöffentlichkeit auf der ganzen Fußballwelt mehr oder weniger für sich allein.

Auf Sky liefen gestern drei Spiele, alle hatten es in sich: Früh am Nachmittag die klassische Störenfriedetruppe von Stoke City (mit Marko Arnautovic) gegen das lahme Millionenensemble von Manchester United unter dem schon lange nur noch grotesk wirkenden Louis Van Gaal (Stoke machte keine Faxen: 2:0); dann der Auftritt der Überraschungsmannschaft von Leicester City an der Anfield Road (Liverpool machte keine Faxen in einem langweiligen Spiel: 1:0). Damit war der Abend bereitet für einen klassischen Auftritt des Arsenal FC.

Mit einem Auswärtssieg in Southampton hätte die Mannschaft von Arsène Wenger nicht nur die Tabellenführung übernehmen können, sondern auch einen schon ganz schönen Vorsprung auf Platz 4 herausarbeiten können. Platz 4 ist ja im Lauf der letzten Jahr zu der designierten Position von Arsenal in der Schlusstabelle geworden. Dieses Jahr ist mehr drin, aber das hat wesentlich mit der "continued implausibility" der aktuellen Saison in England zu tun, wie der Guardian das so plausibel bezeichnet.

Chelsea und Manchester United sind bisher weitgehend indiskutabel, Manchester City müht sich durch die Saison, allenfalls Tottenham überzeugt relativ konstant, erweckt aber keine Begeisterung. Bleibt nur Arsenal als Team, das ein wenig Fantasie in den Betrieb bringt, es sei denn, man hofft wirklich darauf, dass eine Anomalie wie der Höhenflug von Leicester sich verstetigen kann. Das sah aber schon gestern gegen Liverpool nicht mehr danach aus.

Arsenal erlebte in Southampton dann den Alptraum, mit dem eigentlich zu rechnen war. Schon von der ersten Begegnung zwischen Laurent Koscielny and Shane Long an war klar, dass das wieder einer der typischen Abende werden könnte, an denen Arsenal (wir kennen die Klischees, und Mesut Özil verkörpert sie wie kein anderer: feingliedrig, inspiriert, aber auch leicht aus den Schuhen zu scheuchen) gegen eine Wand rennt. In diesem Fall stimmt das Bild nur zu gut: Das Pressing von Southampton war brillant, im Zentrum errichtete der imposante Wanyama eine No-Go-Zone, doch schon um die vorderste Linie fand Arsenal kaum einmal einen gangbaren Weg herum. Langsames Aufbauspiel führt bekanntlich selten zu einem Ziel, und Arsenal spielte gestern tatsächlich so, als wären die schweren Truthähne noch nicht verdaut, oder als hätte die Mannschaft den Heimsieg gegen ManCity vom vergangenen Montag zu lang gefeiert.

Der Coach beschwerte sich hinterher, dass bei den ersten drei Toren jeweils vorher abgepfiffen hätte werden müssen, tatsächlich gab es vor dem Wunderschuss von Martina eine Abseitsstellung, und der Corner, der zum dritten Tor führte, war eine Fehlentscheidung. Über das Kopfballtor selbst könnte man dissertieren, so perfekt machte es die Schwierigkeiten beim Verteidigen eines gut getretenen Eckballs deutlich: auf engstem Raum fand der Verteidiger Fonte doch die paar Meter, um knapp hinter dem ersten Pfosten aus kürzester Distanz zu verwerten: Flamini sprang unter dem Ball durch, und Koscielny sah nur den Ball kommen (von vorn, also von der Seite), nicht aber den Gegner (von rechts, also auf das Tor zu).

Muss ich ergänzen, dass Özils Eckbälle an diesem Tag schlaff waren? Dass Walcott sich sinnlos verzettelte, dass Joel Campbell sich in defensiven Zweikämpfen aufrieb, weil Southampton die ganze Zeit gefährlich war? Das ist eben die Premier League: Eine Spitzenmannschaft aus London muss am zweiten Weihnachtsfeiertag an die Küste, der Wind pfeift durch das Stadion und zerrt an Özil ganz besonders, der Platz ist nicht viel besser als der in Darmstadt. Und morgen geht es schon weiter.

Nach Meinung vieler hat die Niederlage in Southampton gezeigt, dass Arsenal auch weiterhin in entscheidenden Momenten versagen wird. Doch würde ich das noch nicht zu dramatisch nehmen. Die interessante Momentaufnahme können wir am kommenden Wochenende machen, nach dem 20. Spieltag. Vor einem Jahr gewann Arsenal die ersten beiden Feiertagsspiele und verlor dann das dritte (gegen Southampton auswärts), stand danach bei 33 Punkten und auf Platz 6. Dieses Jahr stehen nun zwei Heimspiele an, gegen Bournemouth und Newcastle. 42 Punkte vor dem allmählichen Einbiegen auf die Zielgerade sind möglich.

Allerdings ist die Personaldecke sehr dünn. Das zeigte sich, als Wenger die zweite Einwechslung vornahm. Er brachte Chambers für Flamini, ohne auch nur den geringsten Effekt. Eine Spitzenmannschaft muss von der Bank aus etwas zusetzen können. Arsenal brachte schließlich Iwobi für Walcott. Diese Woche zwischen dem Boxing Day und dem zweiten Neujahrtstag hängt sich an, wie man in Österreich sagt, sie strapaziert Körper und Seele. Es wird interessant werden, wie Özil, bei dem gestern zum ersten Mal seit längerer Zeit wieder die Ringe unter den Augen hervortraten, das verkraftet. Das Spiel in Southampton hätte Arsenal durch Nichtantreten besser lösen können (0:3 statt 0:4), aber dann würde auch eine Niederlage fehlen, an der man sich reiben kann. Interessante Saisonen entstehen dann, wenn eine Mannschaft interessante Antworten gibt. Dieses Mal stellte Southampton die Fragen an Arsenal möglicherweise zum bestmöglichen Zeitpunkt.


Eingestellt von marxelinho am 27. Dezember 2015.
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