12. Januar 2015

Sturm ist ihre Ernte

Der souveräne 3:0-Heimsieg von Arsenal gegen Stoke passte zu dem wilden Wetter dieses Wochenendes: Ausnahmsweise war das einmal eine klare Sache, ein ungefährdeter Sieg, der sich vor allem der Arbeit von vier famosen Offensivleuten verdankte. Stoke kam überhaupt nicht dazu, sich in der üblichen aufsässigen Weise einzugraben, zu dynamisch gingen Sánchez, Oxlade-Chamberlain, Cazorla und Rosicky in die Räume. Arsenal konnte es sich sogar leisten, seinen einzigen Stürmer (Giroud kam nach seiner roten Karte gegen QPR zurück) mehr oder weniger außen vor zu lassen, so sehr wirbelten die falschen Neuner und Fuffzehner.

Zwar hatten zwei der drei Tore dann doch eine profane Vorgeschichte: ein schlecht geschossener Corner, auf den Sánchez eine viel bessere Flanke folgen ließ, die der noch aufgerückte Koscielny per Kopf verwertete, und ein kurioser Freistoßtreffer durch Sánchez selbst. Das zweite Tor aber kann man sich in das Album mit den schönsten Momenten dieser Arsenal-Saison kleben (dieser Artikel enthält eine Skizze): eine fulminante Kombination über halblinks, die Sánchez mit einem Treffer in das kurze Eck abschloss.

Der prägende Arsenal-Spieler dieser bisherigen Saison ist Alexis Sánchez aus mehreren Gründen. Erstens ist er ein leidenschaftlicher Typ, das konnte man ja schon bei der WM sehen, und das ist auch bei einem gewöhnlichen Premier League-Spiel so. Er läuft mit einer Intensität, die auf die ganze Mannschaft ausstrahlt. So spielt Arsenal eben heuer ein hohes, intensives Pressing, das bisher aber häufig darunter litt, dass die Staffelung dabei nicht gut war. Gegen Stoke ergaben sich nie wirklich Schwierigkeiten, trotzdem wird Arsenal mit Coquelin (oder letztlich auch Arteta bzw. Flamini) auf der Position 6 gegen starke Gegner nicht so gut aussehen.

Sánchez bringt aber noch ein weiteres Stilmittel ein, das im heutigen Fußball wohl weiter an Bedeutung gewinnen wird: der Richtungswechsel auf engstem Raum, traditionell auch Haken genannt, ist etwas, was Arsenal heuer mit besonderer Häufigkeit verwendet, wobei es auch die Variante gibt, den Ball mit dem Außenrist zu einem Kollegen hinüberzulegen, in der selben Bewegung in die andere Richtung abzudrehen und sich zu einem Doppelpass anzubieten. Das sind faszinierende Manöver, an denen auch Rosicky auf seine älteren Tage großen Gefallen findet. Cazorla passt zu diesem Spiel sowieso hervorragend, und Oxlade-Chamberlain (der derzeit Walcott deutlich überholt hat) auch.

Mit dem jungen Winger aus Southampton verbindet sich das dritte auffällige Stilmittel, und natürlich ist auch dieses eines, das Sánchez prägend vorführt: der vertikale oder diagonale Lauf mit dem Ball, für den es einen famosen Antritt braucht. Mit jedem Schritt, den sie dabei dem gegnerischen Strafraum näher kommen, wird das taktische Foul problematischer, außerdem sammelt sich bei so einem Antritt so etwas wie Erregungspotential an, das nicht nur das Publikum erfasst, sondern unweigerlich auch die Referees: wenn also am Ende eines solchen Laufs ein Foul passiert, sieht dieses häufig dramatisch aus, gelbe Karten sind kaum zu vermeiden. Oxlade-Chamberlains Durchbrüche an die Grundlinie sind großartig, während Sánchez gern schon früher nach innen zieht.

Gegen Stoke sah das ausnahmsweise einmal wirklich toll aus, ähnlich dominant spielte Arsenal heuer nur gegen Manchester United, da fiel aber kein Tor, und in der zweiten Halbzeit gab es einen peinlichen Kollaps. Faszinierend war dann am Sonntag auch noch, wie Mesut Özil bei seinem Comeback nach Verletzung in dieses hochintensive Angriffsspiel eingriff: da es um nichts mehr ging, konnte er im besten Sinne interpunktieren.

Aber Arsenal wäre nicht die Mannschaft in England, die am aufregendsten an sich selbst scheitert, wenn nicht auch dieser Sieg ein paar nicht so tolle Nebenaspekte hätte. Debuchy, schon in der Hinrunde lange Zeit verletzt, schied mit einer Schulterblessur aus und wird wohl wieder länger fehlen (sein Vertreter Hector Bellerin zählt allerdings zu den aufregendsten Talenten auf dieser Position weltweit).

Und dann ist da noch die Torwartfrage. Wojciech Szcszesny hat sich in Southampton doppelt blamiert (er wurde beim Rauchen in der Dusche erwischt!), nun ist er vorläufig degradiert, vielleicht sogar für länger. Er ist einer der besten Keeper der Welt, es wäre eine Dummheit von Wenger, ihn nicht schon am Sonntag gegen Manchester City wieder zu bringen, aber das Verhältnis ist nicht störungsfrei, und es kann sein, dass da gerade etwas grundlegender schief geht in einer eigentlich viel versprechenden Karriere.

Arsenal ist jetzt wieder näher dran an den Top 4. Es fehlt aber weiterhin der Beweis, dass die Mannschaft kontinuierlich ihr Spiel sowohl aufziehen wie auch absichern kann, und dass sie gegen Topteams konkurrenzfähig ist. In einer Woche gibt es die Gelegenheit, bei Manchester City ein Zeichen zu setzen.



Eingestellt von marxelinho am 12. Januar 2015.
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