15. Oktober 2016

Thesen, Tore, Turbulenzen

Vom Fußball sagt man häufig, dass es sich dabei um einen Kontaktsport handelt. Seit gestern haben wir ein schönes Exempel dafür, dass er auch ein Kommunikationssport ist. Worte schaffen Umstände, Umstände prägen Spiele, am Ende steht es 1:1 nach Toren und roten Karten.

Herthas Besuch bei Borussia Dortmund stand unter dem Label eines Spitzenspiels zwischen den beiden bis dahin fairsten Mannschaften der Liga. Beides wurde gleich in der ersten Halbzeit deutlich relativiert. Für ein Spitzenspiel fehlte es doch an konstruktiver Qualität auf beiden Seiten, dafür aber gab es zahlreiche Unterbrechungen wegen regelwidriger Zweikämpfe.

Das hatte natürlich nicht direkt mit der Klage von Thomas Tuchel über 21 Fouls zu tun, mit denen Bayer Leverkusen vor zwei Wochen ein 2:0 über den BVB gewürzt hatte. Im Kopf lief aber wohl vor allem beim Live-Publikum ein Zählwerk mit, das - ähnlich wie beim übertragenden Sender - nicht immer ganz präzise funktionierte. Das Spiel stand also ein bisschen unter Überdruck. Hertha blieb cool, der BVB konnte mit einer sehr jungen Mannschaft wenig bewegen.

In der zweiten Halbzeit lief dann fast alles für Berlin. Vor allem wegen eines herausragenden Führungstors, bei dem sich Vedad Ibisevic als Wandspieler betätigte: einen sehr weiten Einwurf konnte er so geschickt verarbeiten, dass Stocker eine Möglichkeit erkannte, die er Ibisevic durch einen Antritt signalisierte. Ein kraftvoller Fersler verblüffte sämtliche schwarzgelben Defensivkräfte, und der stets um Eleganz bemühte Schweizer verwertete mit dem rechten Fuß geradezu perfekt.

Stocker hätte später Mann des Tages werden können, da hatte der BVB in der Zwischenzeit einen Elfer verschossen, Dembele gebracht und durch Aubameyang ausgeglichen. Das Spiel ging dem Ende zu. Hertha hatte noch einmal einen sehr aussichtsreichen Konter, den Stocker durch einen schlechten Pass unterbrach. Er tat, trotz der späten Stunde, das, was ihm aufgetragen war: er schaltete um, in diesem Fall auf Spiel gegen den Ball. Der Ball war am Fuß von Ginter, irgendwie muss er Stocker erreichbar erschienen sein, das war allerdings ein Irrtum. Das Ergebnis war ein hartes Foul und eine direkte rote Karte.

Pal Dardai feierte das 1:1 wie einen Sieg, und er konnte auch tatsächlich eine Menge Positives berichten: Hertha war absolut konkurrenzfähig, es war ein "ausgeglichenes Spiel", das allerdings zunehmend "turbulent" wurde. Die erste Halbzeit gibt für die Analytiker mehr her: Da war das Spiel nämlich stärker konzeptionell bestimmt. Was an Hertha am meisten auffällt, ist ein großes Selbstbewusstsein in Hinsicht auf die technischen Möglichkeiten. Die Mannschaft ist ballsicher, probiert interessante kombinatorische Lösungen, und war an diesem Freitag sogar lange Zeit wirklich kompakt.

Weiter als bis auf den 5. Platz kann Hertha an diesem Wochenende nicht zurückfallen, doch ungeachtet der konkreten Platzierung kann man nun wohl feststellen, dass in einer dieses Jahr offensichtlich noch deutlich offeneren 17er-Liga die Mannschaft aus der Hauptstadt eines der interessanteren Modelle anzubieten hat: einen facettenreichen Fußball, der auch bei geringerem Ballbesitz immer noch wie der einer spielenden Mannschaft aussieht.

Aus einem Spiel, dessen vorgefertigte Dynamiken sich zunehmend "verselbständigten" (Rode), einen Punkt mitzunehmen, das zeugt von einer gewissen Klasse. Fast schon könnte man damit das Schönste tun, was im Fußball möglich ist: darauf aufbauen.



Eingestellt von marxelinho am 15. Oktober 2016.
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