05. Februar 2015

Übungen in Fatalismus

"Ich kann der Mannschaft keinen Vorwurf machen", hat Jos Luhukay nach dem 0:1 gegen Bayer Leverkusen gesagt. Er will sogar ein "gutes Spiel" gesehen haben. Das sind Pflichtsätze für einen Coach, der seinen Job nicht verlieren. Der Manager hat aber hinterher doch erkennen lassen, dass sich das nicht mehr von selber versteht. Michael Preetz steht vor einer Entscheidung, die ihm ungeheuer schwer fallen muss. Denn er hat mit Luhukay große Hoffnungen auf Kontinuität verbunden, doch zuletzt war die einzige Kontinuität die zunehmende Perspektivlosigkeit einer Mannschaft, die weit von einem vollständigen Fußball entfernt ist.

Für das schwach besuchte Heimspiel gegen Leverkusen (ich musste aus beruflichen Gründen auch mit der TV-Übertragung Vorlieb nehmen) hatte Luhukay nach den schlechten Erfahrungen in Bremen eine extreme Sicherheitsvariante gewählt: konventionelle Viererkette mit Pekarik, Langkamp, Lustenberger und van den Bergh. Davor Hosogai und Ndjeng (!), und in gewisser Weise auch noch Hegeler, der nominell auch für Spielaufbau zuständig gewesen wäre, dem es dafür aber an wesentlichen Eigenschaften fehlt: Beschleunigung, Kreativität, Bewegung mit dem Ball. Beerens und Haraguchi besetzten die Flügel, bei einem frühen, aussichtsreichen Konter brachte der Japaner den Ball nicht zur Mitte.

Leverkusen steht für dieses interessante Phänomen in der "Liga der Weltmeister", dass auch die meisten Spitzenmannschaften spielerisch häufig sehr limitiert daherkommen. Der Auftritt in Berlin war jedenfalls sagenhaft öde, wobei es schwierig zu unterscheiden ist, was dabei der Kompaktheit von Hertha, dem schlechten Platz, der generellen Froststimmung und der Erschöpfung durch allgemeinen Zerstörungsauftrag zuzuschreiben ist.

Herthas hilflose Hoffnung auf Umschaltmomente wurde kurz nach der Pause durch einen Umschaltmoment zunichte, den Beerens mit einer schlechten Rückgabe auf Pekarik einleitete. Wendell nützte die Gelegenheit zu einem Lauf und einer Flanke, die Kießling verwertete. Van den Bergh verhielt sich dabei um nichts besser als die zuletzt wieder implizit gescholtenen Schulz oder Brooks.

Im übrigen bin ich der Meinung, dass der Treffer nicht hätte zählen dürfen. Kießling trifft den Ball ja nicht gut, und stolpert dann über Kraft ins Tor. Eindeutig behindert er dabei den Keeper im Fünfmeterraum, der Ball war langsam, Kraft hätte ihn vielleicht noch erwischt, wenn er Platz für einen Reflex gehabt hätte. Natürlich kann Kießling die Bewegung nicht bremsen, aber ein Foul ist auch dann ein Foul, wenn es nicht beabsichtigt ist. Nach dem Spiel konnte man Kraft noch mit Kießling diskutieren sehen, ich bin mir relativ sicher, der Torhüter wird ähnlich argumentiert haben.

Relevanter für eine Beurteilung der Situation ist, dass Hertha danach neuerlich nichts zusetzen konnte. Es ist einfach nicht ersichtlich, wie der Coach die Mannschaft noch einmal zu einem vollständigen Fußballspiel zurückführen könnte. Er hat inzwischen so viele Spieler ohne noch große Not beschädigt, hat immer die Falschen für Probleme verantwortlich gemacht (Schulz, Brooks, Stocker), während er das Alibispiel eines Hegeler für wertvoll zu halten scheint.

Das wichtigste Argument für einen Trainerwechsel ist damit in meinen Augen: Dieser Kader bedarf einer neuen Deutung. Luhukay lässt leider überhaupt kein Konzept erkennen in der Weise, wie er damit herumexperimentiert. Er ließ Mukhtar ziehen, weil er ihm das Maß an Stabilität nicht zutraute, das die Mannschaft nun gerade so weit erhöht hat, dass die Niederlagen knapper ausfallen als das Debakel gegen Hoffenheim oder die gefühlte Niederlage bei den vier Gegentoren in Frankfurt.

Jos Luhukay verdient immer noch unseren Respekt. Er ist ganz offensichtlich ein integrer Mann, aber er ist in Berlin seit einem Jahr immer deutlicher an seine Grenzen gestoßen. Inwiefern dabei auch Umstände eine Rolle spielen, die sich auf die Arbeit der Verantwortlichen insgesamt beziehen, können wir von außen schwer beurteilen. Ich habe allerdings doch den Eindruck, dass bei Hertha auf allen Ebenen (medizinische Abteilung, Konditionstraining, Übergang Nachwuchs-Profis) nicht optimal gearbeitet wird. Es fehlt doch deutlich an einer klar erkennbaren Vorstellung davon, in welche Richtung es gehen soll.

Der große Kaderumbau im Sommer (dem deutlich mehrere unterschiedliche Konzeptionen zugrundelagen) hat das Gefüge wohl über Gebühr belastet. Nun steht Hertha mit vielen ungenützten Ressourcen, wichtigen Verletzten und angezählten Profis vor 15 Spielen Abstiegskampf. Eine personelle Alternative zu Luhukay ist nicht leicht zu finden. Thomas Tuchel wird nicht zu haben sein, er wäre ideal. Pal Dardai ist eine Wild Card, ob sich mit ihn ein Victor(y)-Effekt einstellt, ist ungewiss.

Vor drei Jahren hat Michael Preetz in einer ähnlichen Situation die bisher schlechteste Entscheidung seiner Karriere getroffen. Üblicherweise würde man sagen: daraus muss er gelernt haben. Aber die Verbindung von Ursachen und Wirkungen ist im Fußball so kompliziert, dass eine Trainerentscheidung allein vielleicht gar nicht hilft. Bei Hertha muss alles hinterfragt werden. Und dies in einem laufenden Spielbetrieb, in dem jegliche Selbstverständlichkeit verloren gegangen ist.

Ein Zyniker würde vielleicht empfehlen: noch zwei Spiele warten, dann ist ein echter Spitzencoach auf dem Markt. Aber Jürgen Klopp würde auch nicht nach Berlin kommen. Hertha ist und bleibt der Club ohne Identität und ohne Perspektive. Nur für uns Fans nicht, aber wie anders kann man das alles derzeit erleben, wenn nicht als Exerzitien in Fatalismus?


Eingestellt von marxelinho am 5. Februar 2015.
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